Die Menschen sind anpassungsfähig. Das war in Zeiten, als die Winter noch existenzbedrohend kalt und die Natur noch voller Säbelzahntiger war, sicher von Vorteil. Man hat vieles erduldet, was blieb einem auch übrig. Das Bundesverfassungegericht oder den Petitionsausschuß des Bundestages gab es noch nicht, nicht einmal Baumärkte oder Tankstellen für das kurze Feuer zwischendurch. Vom Höhlenmenschen ist neben so manchen Gendefekts noch diese Anpassungsfähigkeit übrig geblieben.
Auch jetzt schaut man darauf, sich bloß an Situationen anzupassen und nicht weiter Probleme zu verursachen. 

Vor allem nicht sich selbst.

So konnten die Menschen auch die Diktaturen überleben. Man hielt viel aus, lebte ein Leben in Angst und Schweigen und hütete seine Zunge und sich davor anzuecken. Auch in der ehemaligen DDR war diese Taktik die am meisten verbreitete, den Alltag tunlichst außerhalb der Gefängnisse der Staatssicherheit zu verbringen. Man trat dort ein, wo man mußte, man jubelte dort, wo man mußte, man hielt sich dort zurück, wo man mußte. Viel müssen und wenig dürfen. Aber die konnten sie mal alle. Und zwar nicht besnders gut leiden.
Und alle hofften, daß alles schon irgendwie vorübergehen würde.

Dann schloß man sich ein paar mutigen Demonstrieren an, war das Volk und über Nacht die Unterdrücker los.

Man sollte meinen, diese gelernte Duckmäuserhaltung könnte man nicht so leicht abschütteln. Doch meine Erfahrung mit Menschen aus dem immer noch geografischen Osten sind, daß sie nie zu etwas zu bewegen sind, wenn sich daraus für sie Nachteile ergeben könnten. Die dazu zu überreden, ihre Meinung auch nur einmal zu überdenken? Pustekuchen. Stattdessen sind sie Sturrköpfe, die nichts annehmen, schon gar nicht Vernunft, denen es immer um das Prinzip geht, die nie verhandeln oder von noch so unsinnigen Standpunkten abrücken. Sie sind unflexibel und lassen sich nichts sagen, unter gar keinen Umständen.
Wie kommt das?

Leben sie nun die neu erworbene Freiheit aus, ohne Grenzen und Rücksicht auf Verluste?

Oder sind es nur die agilen, unangepaßten, die zu uns kommen? Die, die weiter kleinmütig die Köpfe einziehen, bleiben möglicherweise zu Hause, auf ihrer gewohnten Scholle, in ihren 50er-Jahren-Wohnzimmern und wettern gegen alles, was neu ist und gegen alles, was alt ist. Aber leise, damit man sie nicht hört. Die aber, die sich in den Westen trauen, mögen auch im Osten schon wenig gelitten sein, waren dort den Machthabern ein Dorn im Auge, wie sie es jetzt im Fleisch der Obrigkeit sind. Jetzt darf man seinen Mund aufmachen. Und wer sich dem in den Weg stellt, der wird niedergewalzt.
Wo waren diese Prinzipienreiter eigentlich, als die Freiheit in ihrem Land beschränkt war?

In den Unterkünften der Stasi? In ihren Wohnzimmern? Oder sind das neue Bürger, die weder der einen, noch der anderen Welt angehören? Aber warum waren sie so lange still, als man Stimmen der Vernunft in der DDR gerne gehört hätte?
Und warum müssen sie in ihrer Freiheit so übertreiben, wie die Zurückgebliebenen untertreiben?

Warum kann man sich nicht auf ein gesundes Maß einigen? Wo auch andere zum Zuge kommen, die den Mund nicht so voll nehmen; die, die keine Stimme haben, denen keiner zuhört. Weil auch andere ihre Rechte haben, aber sie nicht alle lauthals einfordern. Sondern auch ein wenig auf die Anapssungsfähigkeit vertrauen und den guten alten Satz aller Gemütlichen: Es ist noch immer gut gegangen.
Ja, aber das kann 40 Jahre dauern. 
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