In einer freiheitlichen Demokratie gehört das Recht, seine Meinung frei äußern zu können, zu den verbrieften Grundrechten. Das galt für Zeitungen und Bücher, aber auch für den Stammtischbruder um die Eckkneipe und auch den Amateurredner auf dem Vereinstreffen. Allerdings war die Meinungskundgabe bislang immer mit dem Namen oder sogar mit dem Gesicht einer Person verbunden. Von Schmiereien in Bahnhofsunterführungen einmal abgesehen. Das Internet hat diese Situation verändert: Man kann nunmehr namenslos oder unter einem frei erfundenen Pseudonym vom Leder ziehen.
Und dies forciert eine Meinungsbekundung ganz eigener Art.

Frei vom Gefühl, für seine Äußerungen mit Konsequenzen rechnen zu müssen, hat sich ein polemischer Sprachstil mit unverblümten Beleidigungen herausgebildet, der in so manchem Forum den Umgangsstil miteinander prägt. Weil man sich hinter seiner virtuellen Maske sicher fühlt, schießt so mancher deutlich über das Ziel hinaus. Man macht sich einfach einmal Luft. Was man sonst im stillen Kämmerchen an Hasstiraden verbrochen hatte, läßt man jetzt zwar immer noch in den eigenen vier Wänden vom Stapel. Hierbei vergißt so mancher seine gute (Kinder-)Stube und vor allem, daß die Äußerungen die gute Stube verlassen.
Und weltweit zu lesen sind.

Noch verwunderter sind viele, daß einmal im Zorn in die Tastatur gehackte Botschaften auf sie zurückfallen können.

Denn immer mehr Adressaten wilder Schmähungen lassen sich diese nicht mehr gefallen. Und machen von ihrer Rechtsschutzversicherung und  vom Rechtsweg Gebrauch. So mancher agressive Kritiker bekommt ein unfreundliches Anwaltsschreiben, in dem für verbale Exzesse Unterlassung, Widerruf einer Behauptung oder gar Schmerzensgeld gefordert wird.
Und das kann teuer werden.

Warum so mancher in der Abgeschiedenheit eines Hinterzimnmers zum Wortdesperado wird, ist leicht nachvollziehbar: Nicht jeder scheint ernst zu nehmen, daß mit dem Bestätigen eines Textes dieser wirklich Teil des weltweiten Netzes wird. Man ist da noch allzu sehr in der guten alten Zeit verhaftet, als Wutausbrüche gegen bestimmte Personen von diesen nur dann wahrgenommen werden konnten, wenn sie außerhalb der eigenen Wohnung erfolgten. Jetzt aber kann man seiner Meinung im eigenen Wohnzimmer durch ein paar Klicks leicht großen Ausdruck verleihen, indem man damit Spuren weltweit hinterläßt. Spuren, die man auch unter Umständen nicht mehr beseitigen kann.
Das vergißt nicht nur so mancher Bewerber um einen Arbeitsplatz.

Das vergißt auch so mancher Zornige, der, statt einfach beinmal eine Nacht darüber zu schlafen, unmittelbar der negativen Gefühlsregung ihren virtuellen Lauf läßt.
Und sich dann wundert, wenn das Ganze sich als Bumerang erweist.


Früher hieß es: Man sieht sich im Leben immer zweimal. Jetzt muß es heißen: Man schreibt sich im Leben immer öfter.

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