Wieviele Zeitgenossen bekunden gerne, bei schönem Wetter aufzublühen, während sie schlechtes Wetter deprimiere. Als sei ihr Seelenheil von der Sonne abhängig. In unseren Breiten, wo auf den kurzen Sommer ein langer, stürmischer Herbst folgt, abgelöst von einem oft trüben Winter, sollte man auch den übrigen Jahreszeiten etwas abgewinnen lernen. Bis der Frühling dann wirklich mit Sonne aufwartet, vergehen oft Monate.
Wäre es da nicht besser, seine Stimmung nicht auf die Sonnenstrahlen abzustimmen?

Wobei kaum ein Sommertag vergeht, an dem man nicht massenhaft Menschen über die Hitze stöhnen hört.

Man kann es den Menschen nicht recht machen. Und denen, denen man es nur mit Sonne recht machen kann, ist leider nur ein Bruchteil des Jahres Freude vergönnt. Dabei haben auch die nicht so warmen Jahreszeiten ihr Gutes. Im Herbst ändert sich das Licht, es wird klar und warm, und die Farben, etwa der Blätter. Im Winter liegt nun einmal nur Schnee, wenn er vorher reichlich vom Himmel fiel und es kann nicht gleichzeitig schneien und die Sonne scheinen. Und im Frühling dürfte man die Kälte und Dunkelheit allmählich gewohnt sein und das Erwachen der Natur ist auch bei bedecktem Himmel immer wieder ein Wunder.
Zudem hat man unter Wolkendecken einen guten Grund, zu Hause zu bleiben.

Man muß  sich nach der Arbeit nicht müde aufraffen, um sich noch in irgendeinen überfüllten Biergarten zu quälen, man muß nicht inmitten lauter Kinder an einem vermüllten Strand liegen, man muß nicht ständig den Rasen mähen und die Hecke bändigen. Nachts kann man schlafen, weil keine schwüle Bullenhitze im Schlafzimmer herrscht. Und im Büro hält man es auch ohne kurze Hosen und mit Hemd und gegebenenfalls mit Krawatte aus. Nicht ständig diese Schweißflecken unter den Armen und nicht andauernd dieser Grillgeruch aus tausend Nachbargärten. Keine rauschenden Feste direkt unter deinem Schlafgemach, keine türkischen Cabrios mit exotischen Gedudel mit dumpfen Bässen in brachialer Lautstärke. Kein Geruch aus der Biomülltonne und keine Veranlassung, mal wieder Fenster, Zäune oder gleich das ganze Haus zu streichen. 

Man kann sich gemütlich auf der Couch räkeln, einen Tee in der Hand, während draußen der Wind durch die Bäume zischt. Nichts stößt auf Widerstand, was dir gerade Spaß macht, und sei es, deine ach so kostbare Zeit vor dem Computer zu verschwenden, weil man ja nicht "bei diesem Wetter einfach an die frische Luft muß". Die Luft draußen ist dennoch frisch, aber bei diesem Wetter "würde man ja keinen Hund vor die Tür jagen". Also kannst auch du im stillen Kämmerlein ruhen und tun, was dir gerade einfällt. Man begegnet auch nicht dauernd diesen Typen, die sich mit einem über derart weltbewegende Dinge wie die Fußballmeisterschaft oder das Wetter unterhalten will. 
Die Tür hinter dir zumachen und du hast deine Ruhe.

Mal mit sich allein sein und nicht ständig in der Masse ertrinken.

Man kann ein Buch lesen oder ein paar Gedichte, man kann malen und Musik machen und schreiben, man kann spielen und schlafen und auch einmal beim Fernsehen verblöden, ohne gleich als Stubenhocker zu gelten. Warum sollte man sein Tun und Lassen vom Wetter abhängig machen? Es schwimmen ja im tiefsten Winter auch Menschen in Eiswasser, warum muß man dann draußen herumlungern, auch wenn man dazu gerade keine Lust hat, nur, weil die Wolken einmal die Sonne nicht verdecken? Gehört es nicht zu den Errungenschaften der Menschheit, sich von den äußeren Umständen unabhängig zu machen? Wir sterben nicht mehr, wenn wir im Winter draußen herumspazieren, wir müssen nicht mehr Sonne tanken. Und wenn wir das wollen, dann sind wir in einem halben Tag auf der anderen Seite des Erdballs, wo die Jahreszeiten genau anders herum sind.

Wer Weihnachten je unter Palmen gefeiert hat, der verwünscht den deutschen Winter nie mehr.

Wenn mir danach ist, mich im Haus aufzuhalten (was ich bei extremer Hitze auf jeden Fall mache: Ich bin ja nicht blöd, draußen Sternchen zu sehen, weil mein Kreislauf den Geist aufgibt, nur, weil es gerade sonnig ist, aber eben brutal heiß), dann mache ich das. Wer bin ich denn, nicht das zu tun, wozu ich Lust habe, nur, weil viele andere etwas anderes von mir erwarten, obwohl ein besonderer Grund hierfür nicht existiert?

Heute habe ich allerdings Lust, mal auf der Terrasse zu sitzen. Nachher gehe ich noch baden. Wer weiß, wie lange das noch geht. 

 
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