Schreiben bedeutet Preisgabe der inneren Befindlichkeit, heißt es. Manche sprechen sogar davon, daß Schriftsteller ständig Seelen-Striptease betreiben. Sie projezieren in alle Figuren Anteile ihrer Persönlichkeit. Weil sie etwas außerhalb ihrer Selbst nicht kennen. Sicher muß man als Autor darauf gefaßt sein, daß andere Intimes aus ihren Machwerken herauslesen und Schlüsse auf das Seelenleben ziehen. Diesbezüglich muß man schmerzfrei sein. Man will gerade an die Öffentlichkeit treten. Da muß man in Kauf nehmen, mißverstanden zu werden. Oder noch schlimmer: Verstanden oder gar durchschaut zu werden. Man riskiert daher bewußt, sich auch (möglicherweise ungewollt) zu offenbaren. Indem man aus ihren Figuren Wesenszüge des Urhebers herausliest.
Aber stimmt das auch?

Oder suchen sich Schriftsteller ihre Figuren danach aus, was sie in anderen von sich selbst wiedererkennen?
Findet man in ihren Figuren nur die Sichtweise wieder, die sie selbst auf die Welt haben? Auch die unterschiedlichen Aspekte ihres Weltbildes, dialektisch auf Kontrahenten verteilt. Beobachten sie ihre Umgebung und greifen als Protagonisten nur diejenigen Zeitgenossen auf, durch die sie sich deswegen angesprochen fühlen, weil sie mit ihnen selbst zu tun haben? 
Mit anderen als Spiegelbildern ihrer Selbst wollen sie nichts zu tun haben und bemerken sie nicht.

Oder sie finden diese nicht interessant genug, um sie in einer Geschichte zu verwenden.

Vielleicht sucht man auch zu viel Autor in seinen Werken, wo im Grunde nur kaleidoskopartig Bruchstücke des menschlichen Lebens zu finden sind. Vielleicht sollte man die Literatur lesen, ohne auf Anhaltspunkte zu lauern, welch Geistes Kind der Urheber womöglich sein mag. Die besten Bücher sind auch diejenigen, die einem die Illusion geben, in eine unbekannte Welt hineinzutauchen. Wenn man aus der Phantasie in die wirkliche Welt zurückgeworfen wird, weil man allzu deutlich erkennt, welche Haltung der dahinterstehende Schreiberling inne hat, dann hat dieser seine Sache nicht ausreichend gut gemacht. Wenn die Botschaft fortwährend auf den Botschafter hindeutet, dann kommt sie nicht an.
Und dann handelt es sich nicht wirklich um Literatur.

Sondern eher um ein belletristisches Sachbuch. 
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