Zeichen zu setzen, die man als solche der Zeit erkannt hat, ist in aller Munde. Aber auf dem Papier sieht das schon anders aus: Da werden Zeichen vor allem nach Gefühl gesetzt. Und das Gefühl trügt zumeist. Da werden Sätze willkürlich in Satzteile zerhackt, die keine sind. Weshalb sie anderswo fehlen. Werden Punkte von marktschreierisch Schreibenden gerne durch Ausrufezeichen ersetzt, führen Kommata im allgemeinen eher ein Nischendasein. Deren Funktion als Zeichen, die man bewußt setzt, um den Sätzen Struktur zu verleihen, ist weitgehend unbekannt. Vom nahezu ausgestorbenen Semikolon gar nicht erst zu sprechen.
Denn Satzzeichen sollen etwas zeigen, haben insoweit nicht nur den Sinn, Generationen von Deutschsprachigen daran zu erinnern, daß sie ihre eigene Muttersprache nicht in allen Verästelungen kennen und können.

Sprache ist in den Ohren und Köpfen vieler Zeitgenossen nur Mittel zum Zweck (aber zu welchem eigentlich?).

Da steigt neueren Erhebungen zufolge einerseits der Stolz auf die Heimat, auf das Vaterland, aber die Muttersprache ist anscheinend der Kultivierung nicht wert. An den Errungenschaften der deutschen Dichter und Denker, der Erfinder und Entdecker hat man herzlich wenig Anteil; sollte da man nicht wenigstens versuchen, das, was man voranbringen kann, ein wenig zu pflegen? Man wird kaum das Wissen seines geliebten deutschen Staates mehren, umso mehr müßte man sich doch bemühen, wenigstens der eigenen Sprache zu mehr Geltung zu verhelfen.
Das Gegenteil ist der Fall.

Es war immer schon ein deutsches Problem, allzu eifrig fremde Zungen zu imitieren.

Liegt es am Selbstbewußtsein? Kein anderes Volk der Erde ist so voller Selbstverleugnung, wenn es gilt, ausländische Begriffe zu assimilieren. Kein Franzose bricht sich die Zunge an fremden Lauten, die so gar nicht geschmeidig dem französischen Gaumen entweichen wollen. Kein Engländer würde exotische Vokale wie ein Exot aussprechen, das ist eine typisch deutsche Tugend (oder Untugend, wenn man so will). Nur wir Deutsche diskutieren, wie man polnische Gewerkschaftsführer, spanische Königspaare und japanische Elektronikunternehmen am besten ausspräche. Wir sprechen auch griechische Wörter gerne amerikanisch aus, wenn man uns das nahelegt (wie "Nike" und "Holocaust"). Aber sie deutsch auszusprechen, darauf kommen wir nicht. Inzwischen bestehen schon Tendenzen, auch amerikanische Kommaregeln anzuwenden, etwa nach vorangestelltem Adverb.
("After the spring, there came a long autumn." Und nicht: "Nach dem Frühling, kam ein langer Herbst")

Ja, so setzen wir unsere Zeichen: Im Hissen der weißen Sprachflagge.  Wie aber kann man von sich behaupten, sein Land zu lieben, wenn man seine eigene Muttersprache weder in Wort, noch in Schrift beherrscht?
Es scheint ein fauler Nationalstolz zu sein, der da propagiert wird. 

Und ein Stolz, der keiner Mühe wert zu sein scheint. 
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