Es gibt manche zusammengesetzte Begriffe, bei denen scheint das jeweilige Gegenteil nicht zu existieren. So verhält es sich etwa mit dem Aussichtsreichtum (wobei: Das Wort kennt man nur als Adjektiv). Waren etwa die Aussichten für junge Leute, Arbeit zu finden, früher besser, sind sie inzwischen deutlich schlechter geworden. Die Arbeitssuche ist nicht aussichtslos, aber auch nicht gerade aussichtsreich.
Also sollte sie doch aussichtsarm sein.

So ist das leider in Zeiten der Krise.

Sicher kein erfreulicher Zug der Zeit, wenn man in derjenigen Lebensphase, in der man den Aufbruch ins Ungewisse wagen will, allein ungewiß ist, ob man überhaupt eine Chance dazu erhält. Man will doch etwas erlernen, um für sich selbst sorgen zu können. Niemanden mehr um etwas bitten müssen, auf eigenen Beinen stehen. Zuhause endlich ausziehen, weil einem dort die Welt allzu eng erscheint. Allein, die übrige Welt scheint einem nicht offen zu stehen.
Armut scheint ins Haus zu stehen, wo man doch teilhaben wollte am Reichtum der westlichen Welt.

"Neue Hedonisten" werden die meisten genannt, die in diesen Strudel der Rezession geraten, gemeint sind Menschen, die nicht üppig verdienen, aber üppig ausgestattet sind mit Unterhaltungselektronik. Sie sind die am wenigsten gesuchten, gefolgt von jenen, die nach langen Ausbildungsphasen Spezialisten für Gebiete sind, die niemand beackern will. Das wußten diese diplomierten Jungerwachsenen, haben aber auf die gute, alte Möglichkeit des Quereinsteigens gebaut. Umsonst, denn die Geradeeinsteiger (auch so ein unbekanntes Gegenteil) finden nicht einmal alle Stellen, die ihnen Geld und Brot böten.
Es ist, als läge nicht nur die Wirtschaft am Boden.

Wobei die Aussicht in den Niederungen niemals besonders gut war.

Um gute Aussichten zu haben, muß man möglichst hoch aufsteigen. Und das nicht nur in der Tourismusbranche. Je höher der Aussichtspunkt, desto besser die Aussicht und Übersicht. Die Industrie sucht händeringend ungebundene, gut ausgebildete Experten, die langjährige Berufserfahrung, auch unbedingt im Ausland haben, aber natürlich dennoch blutjung sind. Die eierlegende Milchsau-Legende. Nur brauchen diejenigen, die bereits Jobs haben, gar keine mehr, also auch keine Aussicht. 
Nur die Aussicht, auf die hinabblicken zu können, die um Aussicht auf Erfolg buhlen.

Besser, man ist heutzutage nicht aussichtsarm, jung oder arbeitslos. Aussichtsreich, alt und arbeitsreich zu sein, will aber ebenfalls keiner.
Oder doch?

 

 
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