Eigentlich sind Geschenke freiwillige Gaben ohne Gegenleistung. Aber ganz so einfach ist das nicht. Denn zu Einladungen will ein Mitbringsel, zu Geburtstagen ein angemessenes Präsent, das dem Anlaß (runder Geburtstag oder unrunder?) und auch dem Grad der Zugehörigkeit entsprechen sollte, ausgedacht, besorgt und einigermaßen ansprechend verpackt werden. Die meisten Zeitgenossen schwanken im Zweifel zwischen einer Flasche Wein, wahlweise anderem Fusel, gerne auch einem Grappa und einem Buch. Wohl dem, der zu Beschenkende kennt, die etwas sammeln. Ich etwa sammle Frösche, so daß ganz ohne mein Zutun sich die Sammlung stetig vergrößert. Gäste sind dankbar, wenn sie nicht lange nachdenken müssen und sich der Gastgeber auf jeden Fall über die Aufmerksamkeit freut.
Sehr zum Unmut meiner Frau übrigens, die die ganze Arbeit hat, aber eben keine Frösche sammelt und daher oft leer ausgeht. 

Es nützt aber nichts, lauthals bekannt zu machen, man sammle von nun an Ferraris.

Aber man kann mit Geschenken auch Bosheiten verteilen, die Danaer haben da eine unheilvolle Entwicklung eingeleitet. Der religiöse Eiferer hat ein Buch über Verhängnisverhütung im Gepäck; und warum diese direkt in die Hölle führt. Der Öko-Fanatiker bringt selbst angebaute Früchte mit, die weitgehend unbekannt sind und von denen man auch nicht genau weiß, wie man sie anbaut (so muß es den Menschen ergangen sein, die das erste Mal Kartoffeln zu Gesicht bekamen und folgerichtig die überirdischen Früchte zubereiteten und daran oftmals starben). Der kinderlose Single hat nicht Besseres gefunden, als laute Trommeln für die Kinder und diese würde man gerne schon nach wenigen, arhythmischen Minuten allzu gerne erwürgen (oder auch den Alleinstehenden, immerhin weint niemand um ihn).
So denkt jeder, er denke nicht an sich und liegt damit manchmal denkbar daneben.

Denn das Grundproblem des Schenkens ist: Soll man den eigenen Neigungen Ausdruck verleihen oder sich auf die vermuteten Bedürfnisse des Beschenkten beschränken?

Schon Großeltern schenken pädagogisch. Und enttäuschte Kinderhände reißen Geschenkpapier von großen Paketen und finden großelterlichen Geschmack wieder. In der Hoffnung von älteren Händen eingepackt, man könnte damit den Nachwuchs in eine bestimmte Richtung steuern. Andererseits sollten Kinderwünsche wie echte Kettensägen oder tennisplatzgroße Trampolins (besonders bei Familien ohne oder mit zumindest kleinen Gärten) ignoriert werden. Auch Wünsche nach Schafen oder auch nur Hunden enden zuweilen damit, daß nach gewisser Zeit allein Papa oder Mama zu nachtschlafender Stunde im Regen Gassi gehen. Versierte Eltern fangen Briefe an das Christkind deshalb vorher ab und ändern die eine oder andere Utopie in gemäßigten Realismus.
Herzenswünsche sollte man aber nicht vollständig versagen.

Denn es kommt nicht allein auf die Wünsche der Eltern an, sondern der Kern eines echten Wunsches sollte durchaus Berücksichtigung finden.

Allerdings ist es zuweilen schwer, echte von Wünschen mit geringer Halbwertszeit zu unterscheiden. Der Wunsch nach Barby-Puppen hält kaum länger als der nach Postern mit Pferden oder wahlweise Fußballspielern. Wer eingefleischten Rockfans CDs mit lustigen Schlager-Potpourries schenkt, der sollte damit rechnen, nicht so schnell wieder eingeladen zu werden. Nicht jeder Klassikfan wird sich über Walzerklänge von Andre Rieu freuen und auch auch Goethe-Anhängern Münzen der Agentur Göde mitzubringen, ist nicht einmal Sachsen und Franken (Achtung: Kalauer) erlaubt. Man wird Menschen, die sich röhrende Hirsche über die Wohnzimmer-Couch hängen, mit Büchern über abstrakte Künstler der Moderne (eventuell noch auf ein eher entlegenes Land beschränkt) nicht auf jeden Fall Freude bereiten.
Umerziehen wird man gerade reifere Menschen kaum.

Warum also oftmals der Wunsch zu bekehren?

Sicher kostet es Überwindung, in einem Buchladen Trivialliteratur zu erwerben und sich dabei einen mitleidigen Blick einer ausgebildeten Buchhändlerin einzubilden. Aber wenn es den Gastgeber nun einmal nach Konsalik, Simmel oder Karl May dürstet, dann ändert an dieser Leidenschaft auch ein dicker Dostojewski wenig. Auch ist der Erwerb von knallbunten Tüchern oder Kleidungsstücken für konservative Geister kein Vergnügen, ist aber zuweilen notwendig, wenn die Gastgeberin lebensbejahende Farbgebungen bevorzugt. Jeder noch so überzeugte Nichtraucher macht unverbesserlichen Lungenasphaltierern mit zollfreien Rauchwaren Freude (deren Lunge braucht die Freude ja nicht zu teilen).
Schenken ist also auch eine Übung zur Selbstüberwindung.

Seine eigenen Ansichten nicht zum Allgemeingut zu erklären.

Und vor allem sollte man nicht durch Geschenke Rache üben. Buchgeschenke über das richtige Autofahren am Krankenbett eines Unfallopfers sind unangebracht. Der vermeintlichen Nebenbuhlerin Filme mitzubringen, in denen Ehebruch ins Verderben führt, zeugt nicht von fairem Kampf um den Angebeteten. Schwangeren Singles eine neue Übersetzung der päpstlichen Moralvorstellungen zu überreichen, wird auf wenig Dankbarkeit stoßen.
Überhaupt darf man bei Geschenken nicht unbedingt auf Dankbarkeit hoffen.

Denn Undank ist bekanntlich der Welten Lohn. Und, wie gesagt: Geschenke zeichnen sich durch Fehlen eines Lohnes aus. Mag man nach dem Gesetz bei grobem Undank auch das Geschenkte zurückfordern können; Dank kann man nicht erwarten. So mancher will auch keinen unmittelbaren Dank, sondern eine Verpflichtung, selbst beschenkt zu werden.
Wie ich dir, so du mir.

Gerne auch teurer und größer, als ich dir.

Ja, schenken ist kompliziert. Wobei auch beschenkt zu werden zuweilen auch nicht einfach ist. Gute Miene zum unbedachten Spiel zu machen, übt das schauspielerische Talent. Kevin Kline mag schon von Kindesbeinen an viel Unpassendes geschenkt bekommen haben. So mancher Soap-Star scheint dagegen meist das Gewünschte bekommen zu haben, was zeigt, daß man auch Kindern nicht alle Wünsche erfüllen sollte.
Talent ist ja bekanntlich ebenfalls eine Gabe.

Wenn so manche Oma wüßte, was sie durch ihr pädagogisch wertvolles Geschenk dem Nachwuchs wirklich geschenkt hat, sie wäre stolz.  
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