Wie die jüngsten Ereignisse in Dresden zeigen, in denen ein Migrant aus Rußland eine Ägypterin, die er schwer beleidigt hatte, erstochen hat: Positive Schlagzeilen über russischstämmige Einwanderer sind eher die Ausnahme. Ob in den Medien schon vor Urlaubsorten gewarnt wird, wo Russen unerträgliche Trinkgelage rund um die Uhr feiern oder Untersuchungen darüber veröffentlich werden, daß russische Vornamen außerhalb der Zuwanderer unbeliebt sind bei der Benennung des Nachwuchses (mit weiblichen Ausnahmen wie Natascha und Natalia), aus dem Osten ausgewanderte Zeitgenossen haben hierzulande kein gutes Image.

Mit Rußlanddeutschen assoziiert man eher Wodka und Trunksucht denn Kultur und Kunst, obwohl die russische Nation große Komponisten, Maler und Dichter hervorgebracht hat. Russische Künstler haben der Welt wunderbare Werke geschenkt. Aber diese Kultur merkt man so manchen russischen Nachbarn so gar nicht an. Sie bauen auf jedem noch so kleinen Grundstück Gemüse an, weil sie offenbar die Versorgungslage pessimistisch einschätzen, kultivieren im übrigen die Sprache ihre Väter oftmals mehr denn die ihres Wohnortes und bleiben weitgehend unter sich.
Zumindest nimmt man sie so wahr.

Die integrierten, die sich allerhöchstens noch durch einen Akzent als in Rußland geboren verraten, erkennt man nicht.

Den Ruf verderben die faulen Eier, die in ihrem Ghetto leben und kaum Kontakte zu anderen als ihrer angestammten Volksgruppe knüpfen. Sie fallen im Straßenbild durch Trainingsanzüge auch eher auf. Man denke aber daran, wie Deutsche im Ausland wahrgenommen werden mögen. Fragt man etwa Mallorciner, wird man das Bild vom häßlichen Deutschen in kurzen Hosen, Hawaiihemd über dem Bierbauch und BILD-Zeitung in der Hand gemalt bekommen, der vor allem durch dieselbe Tätigkeit gekennzeichnet ist, die man den Rußlanddeutschen so heftig ankreidet: Sinnloses, hemmungsloses Saufen.
Und, seien wir ehrlich: Goethe, Macke und Beethoven zum Trotze ist da was dran.

Warum also sind die Rußlanddeutschen so unbeliebt, wo man doch dasselbe Hobby hat?

Sind sie uns zu ähnlich? Wollen sich nicht mit Andersartigen mischen, auch das hat der Deutsche drauf: Die Angst vor dem Fremdartigen sitzt tief, der Ausdruck "Multi-Kulti" wird auch von konservativen Politikern gern verunglimpft, man will die "deutsche Leitkultur". Russen wollen ihre Wurzeln nicht verleugnen, auch das ist im Urlaub in Betonburgen schön zu beobachten, wo man überall in der Welt als Deutscher deutsche Speisen und vor allem deutsches Bier erwartet. Rußlanddeutsche wollen ihre Sprache nicht ablegen, was auch eine deutsche Spezialität im Ausland ist, wo die Ausländer gefälligst Deutsch zu sprechen haben, schließlich leben sie vom Tourismus (auch diejenigen, die eben nicht vom Tourismus leben).

Wobei auffällt: Italiener und Amerikaner dürfen ihre nationalen Eigenheiten gerne importieren, da ist man nicht so empfindlich. Das wirkt schick, klingt nach großer, weiter Welt. Aber die Kultur Rußlands wirkt offenbar angestaubt und unattraktiv, schwingen da noch Ressentiments aus der Zeit des kalten Krieges mit? Kaum jemand ist im Westen so verunglimpft worden wie "der Russe", die Verkörperung des Bösen. Vielleicht kann man sich davon noch nicht so schnell freimachen, solange die Generation noch lebt, die die Welt als zweigeteilt erlebt hat. Und diese drängt die Rußlanddeutschen als Repräsentanten eines erlernten Feindbildes in die Isolation.
Integration ist keine Einbahnstraße und vielleicht auch kein Prozeß, der über Nacht passiert.

Auch die Italiener der ersten Generation waren lediglich "Gastarbeiter". Und jetzt sind Pizzerien und Gelaterias nicht mehr aus dem Stadtbild wegzudenken.
Geben wir ihnen also ein Chance.

Sie werden uns bleiben. Warum also nicht das Beste daraus machen?

 
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