Was es im Tennis gibt, gibt es auch in der Kommunikation: Sätze, die man abgibt. Und die den Sieg kosten. So mancher spielt, so mancher redet sich um Kopf und Kragen. Nicht viele sind  sich dieser Tatsache so bewußt wie der junge Mann, der eine Woche vor seiner Verhandlung zum Richter geht und bittet, nicht zum Termin erscheinen zu müssen. Der Richter weist darauf hin, daß um die persönliche Anwesenheit des Angeklagten in der Hauptverhandlung kein Weg vorbei führt.
Der Arzt des Delinquenten habe allerdings seinem Patienten geraten, möglichst fernzubleiben.

Weil er dazu neige, sich um Kopf und Kragen zu reden.

Und ist solch ein verräterischer Satz erst einmal in der Welt, dann kann man ihn gerade in der modernen Zeit, wo kaum eine Lebensäußerung in Vergessenheit gerät, nicht mehr aus eben dieser Welt schaffen. Sehr zur Freude von Personalchefs, die sich immer freuen, wenn sie Bilder (mit niveaulosen Untertiteln) von Saufgelagen potentieller Bewerber im Netz gegoogelt haben, sehr zum Verdruß dann abgelehnter Interessenten für eine Arbeitsstelle.
Spiel, Satz (oder Bild) und Sieg Arbeitgeber.

Sicher gibt es auch Sätze für die Ewigkeit, die den richtigen Leuten an der richtigen Stelle eingefallen sind. Ein kleiner Sprung für einen Astronauten, ein großer Sprung für die Menschheit. Ich bin ein Berliner. Ich würde niemals einem Klub beitreten, der mich als Mitglied nimmt. Die Woche fängt gut an (für Zugereiste: Satz eines bayrischen Räubers auf dem Wege zum Schafott, an einem Montagmorgen). Dem Mann (nicht: Manne) kann geholfen werden. Die Seele baumeln lassen (schon ein wenig abgegriffen). 

Ab und zu mag es einem selbst gelingen, einen Ausspruch zumindest im engeren Bekanntenkreis zu lancieren, der das Zeug zum geflügelten Wort hat. Wobei merkwürdig ist, daß ein ganzer Satz, wenn er Bedeutung hat, zu einem einzigen Wort zusammenschmilzt. Sätze werden dann erst bedeutsam, wenn sie zu einem Wort werden. Sätze, die Sätze bleiben, bleiben so stehen, wie sie sind. Werden möglicherweise gespeichert, analog im Gedächtnis oder digital im Computer. Aber erst Worte schaffen es, die Zeit zu überdauern. Obwohl sich die Speicherkapazität der Menschheit also erheblich erweitert hat, sind wir immer noch auf Worte (bestehend aus Wörtern), angewiesen (im Englischen gibt es im übrigen keinen Unterscheid zwischen Worten und Wörtern, was auf das Fehlen dieser feinen Nuance an Bedeutung hindeuten mag).

Aber meist ist da, was man sich ausdenkt, um damit mit seinen Mitmenschen zu kommunizieren, kaum von Dauer. Wenn einem überhaupt irgendwer zuhört. Und die Chance, zum Wort, gar des Jahres , zu werden, hat ein Ausspruch auch nur, wenn ihn viele für sich entdecken. Weil ihnen wohl selbst nichts, jedenfalls nichts Besseres einfällt.
Man spricht nach, was einen anspricht.

So hat sich im Laufe der Zeit so mancher markerschütternde Satz zu etwas gewandelt, was er ursprünglich nicht war. Auf dem Wege zum "Weibe" die Peitsche nicht zu vergessen, verstehen die meisten Menschen etwa als Aufforderung, mit dem anderen Geschlecht eher herrisch und gewalttätig umzugehen. Daß sich Herr Nietzsche damit auf das zu seiner Zeit wichtigste Transportmittel, die Pferdekutsche, bezog, ist aus heutiger Sicht eher fernliegend. Insofern war die Peitsche für die Zugtiere bestimmt, um auf dem Weg zur Geliebten keine Zeit zu verlieren. Laß also deine Herzensdame nicht unnötig warten.
Aber gerade mit der Zeit hat sich dieser Sinn verloren. 

Heute hat man andere Zugpferde und andere Geschwindigkeiten im Sinn. Offenbar hat man auch ein größeres Bedürfnis nach Gewalt und Unterdrückung. Aber der Satz bleibt, als Wort zu etwas gewandelt, das den Urheber in einem schlechten Licht erscheinen läßt, genau wie den Verwender dieser Sentenz. Spiel, Satz und Pyrrhussieg.
Denn in Zeiten der Emanzipation sprechen viele Menschen offenbar die so genannten, guten, alten Zeiten wieder an.

In Sätzen, die sie nicht verstehen, die aber anscheinend von einer Zeit künden, als die Welt noch in Ordnung war.
Oder zumindest verstanden wurde.

Wobei man das zu diesen alten Zeiten auch schon gesagt hat, wie sich im Satz "Tempora, Mores" zart andeutet. Ein Satz aus sehr alter Zeit, wonach hat man sich da eigentlich zurückgesehnt? Es gab offenbar immer ein davor, als alles noch besser war. Kein sehr optimistisches Weltbild, daß immer alles immer schlechter wird. Wo man doch gehofft hat, die Menschheit würde sich entwickeln, zum Guten, zum Wahren, zum Weisen.
Pustekuchen.
Während man also zunehmend Wissen anhäuft, geht offenbar immer mehr Wissen verloren. Wußte man in der Antike schon nur, daß man nichts weiß, weiß man heutzutage nicht einmal mehr das. Wobei es tatsächlich nicht hoffnungsfroh stimmt, wenn sich Menschen, die alle Folgen von "Deutschland sucht angeblich den Superstar" gesehen und alle aktuellen Handytöne schon einmal heruntergeladen haben, sich allwissend gerieren, weil alles sonstige Wissen nutzlos erscheint.
Welche Sätze hat man parat, um diesen aktuellen Zustand an Inhaltslosigkeit zu beschreiben?

Das wird die Zukunft zeigen. Allerdings wird es kein hoffnungsfroher Satz sein. Und er muß twitterbar sein, sonst hat er keine Chance, ein Klassiker zu werden.
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