Schwer ist es, über die Fehler der anderen hinwegzusehen. Viel einfacher ist es, eigene Unzulänglichleiten zu bagatellisieren. Nicht umsonst warnt die Bibel davor, den Balken im eigenen Auge zu übersehen, aber den Splitter im Auge des Nächsten sehr wohl.
Wobei ich es freundlich fände, wenn mich ein aufmerksamer Zeitgenosse darauf aufmerksam machte, wenn ich einen Balken im Auge hätte.

Das muß ein sehr kleiner Balken sein, wenn ich ihn nicht einmal selbst sehe.

Ja, mit der Nachsicht mit den anderen ist das so eine Sache. Einzusehen, daß nicht alles nach der eigenen Pfeife tanzen kann, ist nicht immer eben leicht. Oft ist das angeblich so Störende aber auch nur Ausdruck einer Hilflosigkeit, das man kaum auch nur einen Bruchteil der eigenen Vorstellungen verwirklichen kann.
Wenn überhaupt.

In jedem Menschen wohnt das Bedürfnis, Einfluß zu nehmen. Mögen die Möglichkeiten bisweilen klein sein, sie wollen jedenfalls genutzt werden. Steter Tropfen lupft den Stein, geht der Berg nicht zum Propheten, kann der Prophet wenigstens verbal den Weg des Berges beschreiben, den er zurücklegen müßte, um dem Propheten auf die Zehen zu steigen.
Aber es kann nicht jeder Prophet sein.

Und Glauben schaffen, der Berge versetzen kann, ist auch nicht Jedermann möglich. Denn kaum etwas ist so groß wie der Zweifel an den Fähigkeiten anderer. Kein anderer als man selbst hat die richtige Vision, wie sich alles zum Guten wendet. Kein anderer kann die Lage so zutreffend erfassen und daraus die einzig logischen Konsequenzen ziehen. Kein anderer geht allerdings mit solch einem Balken vor dem Kopf durch die Welt und übersieht die Belange nahezu aller anderen.
Denn das erscheint unmöglich: Die Träume und Vorstellungen aller unter einen kleinen Hut zu bringen.

Besser, man macht sich davon frei und betrachtet die Bemühungen der anderen, den Hut größer oder die Vorstellungen kleiner zu machen mit etwas, was dabei ungemein hilft, will man nicht zutiefst unglücklich werden: Mit Nachsicht. 
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