Der Tod eines bleichen Sängers aus den Staaten macht mehr Furore, als er seit langem zu Lebzeiten gemacht hat. Plötzlich ist kollektive Trauer angesagt. Jugendliche, die deutlich zu jung sind, um seine mindestens 20 Jahre alten Liedlein zu kennen, bringen überraschend Twitter und Google zum Erliegen, weil jemand, von dem sie zu Lebzeiten nur aktuell Verfahren wegen Kindesmißbrauch mitbekommen haben (wenn überhaupt), an Erschöpfung und möglicherweise an Medikamentenmißbrauch (auch hier wieder ein Mißbrauch) verstorben ist. Junge Menschen, für die über Dreißigjährige angeblich schon "Gammelfleisch" sind, bejammern, ein noch 20 Jahre älterer Mann sei "viel zu jung" von uns gegangen.
Von uns? War er denn bei uns, bevor er starb?

Oder in welcher Welt lebte er?

Ist das Gespinst aus einer Scheinwelt, Lego- und Disneyland so faszinierend, daß man wünschte, man würde dort auch leben? Offenbar unverstanden, unglücklich und von großer Distanz zur realen Welt vegetierte dort ein zunehmend kranker und gebrochener Mensch; was ist daran so interessant? Für die so genannten "Spinner" in unserer nächsten Nähe interessiert sich doch auch kein Mensch, die werden ausgegrenzt. Wer anders ist, hat es in unserer Gesellschaft schwer, auch unter jungen Zeitgenossen. Wenn er aber medial nahe gebracht, aber real weit genug weg war, dann taugt er als Objekt des Vermissens, wenn er denn endlich vollständig verschwunden weg ist aus der Wirklichkeit. Hier stehen neurotische Menschen, die nicht im Strom mitschwimmen, die nicht den Trends folgen und sich nicht zumindest modisch kleiden, im Abseits. 
Im Jenseits aber stilisiert man solche Abweichler zu Helden, die man beweint.

Wer hierzulande mit einem Mundschutz herumliefe, unter einem Sauerstoffzelt schliefe und niemanden berühren will, den bringt man in einer psychiatrischen Klinik unter. Weil man das anderenorts nicht macht und ihn auch noch mehrere hundert Millionen Schulden machen läßt (ein Umstand, der darauf hindeutet, daß man mit dem Alltag offensichtlich nicht zurechtkommt), ist er in der virtuellen Welt urplötzlich eine Stilikone, ein Märtyrer und in aller Munde.
Wo leben wir selbst?

In einer Traumwelt, in der wir diese unsere Realität nicht ertragen? In der wir etwas beweinen, was wenig mit dem Alltag von uns allen zu tun hat? Die weltweite Wirtschaftskrise oder die weltweite Umweltverschmutzung, die uns wirklich und unmittelbar betrifft, hat kein annähernd so intensives Echo gefunden.
Vielleicht wünschen wir uns alle ins Neverland, weil außerhalb das Leben hart und unbarmherzig ist.

Wobei das an uns hängt. Wenn wir alle mehr in der Realität zu Hause wären und uns auch mehr um sie kümmerten, vielleicht wäre sie dann nicht so trist, daß wir uns in Trauer um jemanden flüchten müßten, der stets vor der Realität geflüchtet war.
So betrachtet, ist die Menschheit doch erheblich dümmer, als so mancher Optimist uns glauben lassen will.

Und das ist wirklich ein Grund, deprimiert zu sein. 
Zurück zu Home