Ins Unreine geschrieben ist Dialektik die Suche nach der Wahrheit durch zwei sich widersprechende Positionen. Hier soll es aber nicht um die Kunst sprachlicher Auseinandersetzung gehen, sondern um eine Auseinandersetzung um die Sprache, nämlich die bayrische.
Wobei im Grunde dieser Kampf für jeden Dialekt gilt.

Den manche vor dem Aussterben und daher als schützenswert wähnen.

So schützenswert, daß immer wieder rührige Sprachbewahrer rührige Leserbriefe an rührige Lokalzeitungen schreiben, in denen eindringlich vor dem Untergang des Abendlandes gewarnt wird, sollte man seine heimatliche Idiome nicht pfleglich behandeln. In Bayern hieße es nicht "Jungen", sondern "Buben", worauf die Redaktion wieder einmal deutlich darauf hingewiesen werden müsse. Unhaltbare Zustände und Zugeständnisse an aus fernen Gegenden außerhalb des eigenen Landkreises eingewanderte Fremde, die es zu verhindern gelte.
Bitte in Zukunft beachten.

Ansonsten müsse man die Zeitung abbestellen und sich ein weniger hochdeutsches Blatt aussuchen (wobei man Schwierigkeiten hat, eines zu finden, das dem örtlichen Dialekt nahekommt, wenn man nicht selbst eine solche herauszugeben gedenkt).

Schließlich gibt es im Dialekt Dinge, die man nur in diesem ausdrücken könne; das wäre im Hochdeutschen nicht möglich. Was genau der Unterschied ist, oder warum man unter "Jungen" offenbar etwas anders versteht, wird nicht näher erläutert. Vielleicht erkennen so manche Lokalpatrioten auch nur nicht, daß man auch im Hochdeutschen alles ausdrücken kann, was man will, weil sie nur das erkennen, was sie bereits kennen. Was sie selbst nicht so ausdrücken würden, erkennen sie zumindest in der Hochsprache nicht. 
Und wer etwas in ihrem Dialekt anders ausdrückt, als sie es gewohnt sind, kommt vermutlich zumindest aus einem Nachbarort, wo man ja vollkommen hinter dem Mond lebt.

Was der Bauer nicht kennt, das versteht er nicht.

Ist es wirklich schön, schon kleine Kinder, mögen es nun Buben oder junge Mädchen sein, deftigen Dialekt sprechen zu hören? Wohnt man herb sprechenden Kindern aus anderen Gegenden Deutschlands oder dem nahezu deutsch sprechenden Ausland bei deren Gebabbel bei, sei es aus Hessen, Sachsen oder Friesland, so kann man sich der Schönheit deren Sprachgebrauchs im allgemeinen (und meist auch im besonderen) oft wenig erfreuen. Grober Dialekt wirkt auch nicht immer allzu niveauvoll. Ein Zungenschlag mag ganz reizvoll sein, aber allzu viel davon geht meist auf Kosten der Feinsinnigkeit.
Warum sollte das mit dem eigenen Dialekt anders sein?

Extremer Dialekt ist selten ansprechend. 

Und schließt zudem einen Großteil der Menschheit aus einem Dialog oder gar von so etwas wie einem dialektischen Gespräch mit dem Lokalpartrioten aus. Genügt es nicht, daß man schon außerhalb der Grenzen Probleme hat, mit den meisten dort anzutreffenden Menschen über recht viel mehr als das Wetter und das Essen sprechen zu können? Da mag man noch so viel noch so gut im eigenen Dialekt ausdrücken können: Vergebliche Liebesmüh', wenn man sich damit auch nicht annähernd verständlich machen kann.
Und Sprache sollte nun mal dazu dienen, sich so etwas Kommunikation zu anderen aufzubauen.

Und das nicht nur gegenüber jenen, die man ohnehin tagtäglich sieht und denen man nichts zu sagen braucht, weil sie ohnehin alles wissen, was mit einem selbst zu tun hat. 
Weil sie alles auch selbst erleben, was man erlebt.

Sondern auch gegenüber allen Menschen.

Dialekt ist nicht auszurotten, die bayrische Sprache hat schon mehr überstanden als ein paar Anglizismen und Redewendungen aus dem Norden. Sie hat die Mode überstanden, französisch zu sprechen und wird die Mode, ein wenig Globalisierung auch in der Sprache zu verkörpern, wohl auch überstehen. Und wenn nicht, ist sie nicht stark genug gewesen. Schließlich kann man niemanden zwingen, so zu reden, wie man selbst.
Das, wenn man könnte.

Da gäbe es viel zu tun.

Aber so ist das immer, wenn man sich selbst zum Maßstab macht: Man muß sich irgendwann damit abfinden, daß nicht alle nach der eigenen Pfeife tanzen, erst recht nicht alle Kehlköpfe. Auch nicht die Redaktionen der Lokalzeitungen und auch nicht die Nachbarn, die sich herausnehmen, das Wort "Freizügigkeit" als "Freizüngigkeit" mißzuverstehen.
Man kann Dialekt sprechen.
Man muß aber nicht.

Auch das ist ein Teil der vielgerühmten Liberalitas Bavariae.
Oder sollte es sein. 
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