Vergebens wäre es, die alte Tugend des Vergebens einzufordern. Auf Gnade hat man keinen Anspruch. Zwar mag es gerade ein Kernpunkt christlicher Ethik sein zu verzeihen. Vom Gleichnis des verlorenen Sohnes über die Bergpredigt ist die Bibel voll von Gedanken, die auf Vergeben und Vergessen abzielen.
Auch, wenn das die Kirche beileibe nicht selbst praktiziert.

Denn die Kirche verzeiht allerhöchstens ein paar Jahrhunderte später die Taten, die sie zeitnah mit Inquisition oder zumindest Verfolgung geahndet hat.

Es mag auch eine innere Katharsis bedeuten, jemandem zu verzeihen. Wobei es immer leichter ist, von jemandem anders Vergebung einzufordern, als sie selbst zu gewähren. Aber so mancher Zeitgenosse verrennt sich sein Leben lang in Gedanken an Rache und ist der Vergebung auch seiner eigenen Sünden weiter entfernt als er selbst wahrhaben will.
Rosenkriege beruhen auf solchen fehlgeleiteten Verhaltensweisen.

Und mancher Mensch hat kein anderes Steckenpferd mehr, als sich in den Rachegedanken wegen eines vermeintlich begangenen Unrechts zu laben.

Aber leicht ist es nicht, über den eigenen Schatten zu springen und unter eine schmerzliche Erinnerung einen Schlußstrich zu ziehen. Das ist ethisch hochwertig und christlich, aber nicht einfach. Da muß man schon recht große Schweinehunde in sich niederkämpfen, um gelegte Eier unausgebrütet liegen zu lassen und nur noch nach vorne zu schauen.
Alte Rechnungen nicht zu begleichen, sondern einfach aus der Bilanz seines Lebens auszubuchen. 

So mancher zerbricht an dem Gedanken, Augen nicht um Augen und Zahn um Zahn zu vergelten.

Auch das Zeitmoment kann entscheidend sein. So werden zunehmend Rufe - aus welcher Richtung auch immer - laut, etwa übelstes Unrecht der Nazi-Schergen irgendwann auf sich beruhen zu lassen. Eine Taktik, die man in der jungen Bundesrepublik faktisch lange praktiziert hat. Und die sich, wo es gilt, auch erlittenes Unrecht der DDR aufzuarbeiten, auch schon wieder einzuschleichen scheint.
Angehörige der Opfer haben hierfür wenig Verständnis, Angehörige der Täter umso mehr.

Aber auch die Meinung, man habe andere Probleme, ist zu vernehmen.

Als wenn man nicht immer auch andere Probleme hat. Wobei der Gedanke, sich übelster Untaten schuldig zu machen, und dafür nach einem gewissen Zeitablauf mit Vergebung rechnen zu können, wenig Abschreckendes für potentielle Täter hat. Mord etwa verjährt aus guten Gründen nicht.
Das hat nicht nur mit Gnade zu tun, sondern auch mit einer Außenwirkung.

Generalpräventive Erwägungen würden sonst völlig zurücktreten.

Zudem ist Vergebung eine individuelle Angelegenheit, nicht eine kollektive. Ein Volk kann nicht verzeihen, das kann nur der Einzelne.
Und man muß sich weder der Meinung anderer anschließen, noch sich ihr verschließen. 

Aber man sollte sich prüfen, ob einem der Gedanke an Vergeltung weiterhilft, oder, wie es nicht selten vorkommt, dem eigenen Lebensglück im Wege steht.
Das Leben geht weiter.
Ob es einen nach Rache dürstet oder nicht. Aber so kommt zur Untat noch die Genugtuung des Bösen hinzu, über die Untat hinaus noch die Angehörigen auch ihrer Lebenslust beraubt zu haben.

Und diese Genugtuung sollte man dem Täter nicht gönnen.
Zurück zu Home