Manchmal ist es schön, in der Masse zu verschwinden, nicht ständig unter Beobachtung zu stehen und für alles, was man macht, Rechenschaft ablegen zu müssen. Anonymität ist ein Segen für all jene, die fortwährend im Rampenlicht stehen und überall und jederzeit damit rechnen müssen, daß jede, aber auch jede Regung ihres Seins von anderen registriert und gegebenenfalls sogar ausgewertet wird.
Anonymität ist aber auch ein Fluch, wenn du einsam und allein unter Menschen lebst, die dich nicht beachten und denen im Grunde völlig egal ist, ob du lebst oder schon wochenlang tot in deiner Wohnung vermoderst, wie gelegentlich immer wieder zu lesen von Großstädten, in denen die Menschen nicht einmal ihre direkten Nachbarn kennen.
Das ist, als wenn du auf einer einsamen Insel wohnst.

Nur lauter.

Aber es gibt auch ein recht auf Anonymität, so bei verurteilten Straftätern, deren Identität und Wohnort nach Abbüßung ihrer Strafe nicht öffentlich gemacht werden darf. Ob das immer richtig ist, auch vor gefährlichen Sexualverbrechern nicht zu warnen und sie womöglich neben dir wohnen zu haben, ohne daß du Frau und Kinder schützen kannst, bleibt dahingestellt. Aber auch bei lange zurückliegenden Taten, etwa von Kriegsverbrechern, die nie zur Rechenschaft gezogen wurden, besteht grundsätzlich ein Recht darauf, nicht als Verdächtiger gebranntmarkt zu werden.
Ist das ethisch und moralisch hinzunehmen? 

Wobei der Bürger alles hinzunehmen hat, was Recht und Gesetz entspricht. 

Aber viel diskutiert wird auch immer ein Recht auf zivilen Widerstand, wenn von Seiten der Obrigkeit Unrecht begangen wird. Ob dieses allerdings darin liegen kann, daß der Staat das Recht auf Anonymität gegenüber der Allgemeinheit wahrt, ist fraglich. Auf der anderen Seite erscheint es höchst problematisch, gegen solche Zeitgenossen, die die Anonymität nicht dulden und die unter Umständen üblen Mörder und Kriegsverbrecherbestien an den medialen Pranger stellen, vorzugehen und sie gar strafrechtlich zu verfolgen; gerade, wenn es sich um Angehörige der Opfer handelt.
Kann das rechtens sein?

Werden da nicht Opfer zu Tätern und Täter zu Opfern gemacht?

Sie haben ihre Eltern oder Großeltern durch eine barbarische Tat verloren, wenn sie aber den Täter aufgespürt haben und dies nur kundtun, haben sie schon mit Repressalien zu rechnen. Das kann doch nicht sein. Wobei es natürlich daran hapert, daß nicht rechtmäßig durch ein Gericht die Schuld festgestellt wurde. Und man sich hierbei auch irren kann. Man denke nur daran, wieviele Irrtümer es bereits bei der Identifizierung von SS-Schergen gegeben hat.
Für die Hinterbliebenen der Opfer ist dies freilich unerträglich.

Da lebt so ein Monster unbehelligt sein Leben und über seine Opfer wächst still und heimlich buchstäblich Gras. 

Dennoch kann es in einem Rechtsstaat nicht sein, daß jeder für sich selbst entscheidet, wen er für etwas schuldig hält und dies öffentlich kundtut. Das muß den Behörden überlassen werden. Angestupst dürfen sie allerdings werden.
Ob dies ebenfalls über die Medien erfolgen darf, ist allerdings fraglich.

Denn damit wird Druck aufgebaut, der mittelbar auch wieder die Täter nennt, ansonsten man kaum verständlich machen könnte, welche Versäumnisse man bei der Obrigkeit anprangert.
 
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