In Irland habe ich einmal einen jungen Mann kennengelernt, der aus einer Stadt im Norden Deutschlands kam, die ich nicht kannte. Und deren Namen ich auch längst wieder vergessen habe. Als ich mich bei der Namensnennung der unbekannten Stadt nicht ausreichend begeistert zeigte, meinte er überrascht: "Die kennst du nicht? Wir sind doch vorletztes Jahr bei den Schützenumzügen zweiter geworden."
Man bemerke: Nicht dieses Jahr, sondern vorletztes.
Zweiter, nicht erster.

Das war ein echter Lokalpatriot mit einem echten Problem. 

Wer aus München oder Hamburg kommt, der muß nicht viel zu seinem Heimatort sagen. Jeder weiß, wo das liegt und jeder kennt auch ein paar Eigenheiten dieser Städte. Wer aber aus kleineren Orten kommt, der muß schon ein wenig aufklären, über die Größe, die Lage und auch, was diesen Ort auszeichnet.
Warum eigentlich?
 
Genügt es nicht, daß dem Bewohner selbst der Ort gefällt? Warum muß man dafür Reklame manchen? Warum muß der Ort auch dem Gegenüber gefallen? Im Gegenteil: Je mehr von auswärts in den Ort kommen, desto teurer werden die Mieten und Grundstückspreise. Und desto überfüllter werden die Gaststätten, desto schlimmer wird der Straßenverkehr und die Parkplatzsituation.
Man sollte doch eigentlich Fremde abschrecken. 

Ich verrate nicht, woher ich komme, weil ich nicht will, daß sich dieser traumhafte Ort auch nur ein bißchen verändert.
 
Das Problem ist: Je kleiner der Ort, desto größer der Lokalpatriotismus. Darunter verstehe ich die enervierende Eigenschaft, alles an der Heimatgemeinde gut zu finden und auch nur leise Anflüge von Kritik nicht gelten zu lassen. Alles ist wunderbar, und was nicht wunderbar ist, ist eben gerade gut so, wie es ist. Widerworte duldet der Lokalpatriot nicht, die gilt es, im Keim mit lauter Stimme und lauter Entrüstung zu ersticken. 
Daher sind Gespräche mit Verteidigern der Weltgeltung eines kleinen Kaffs meist kurz und wenig fruchtbar.
 
Münchner und Hamburger haben es einfach: Wem diese Millionenstädte nicht gefallen, dem gefallen sie eben nicht. Leute, bleibt eben weg, wenn Euch hier etwas nicht paßt. Es gibt genügend Leute in aller Welt, die schon feuchte Augen bekommen, wenn man die Namen dieser Metropolen auch nur nennt, da fallen so ein paar Griesgrame kaum ins Gewicht. Aber an winzigen Flecken auf der Landkarte, die nur solche Landkarten mit einem ausreichend großen Maßstab überhaupt aufführen, sollte man alle guten Haare lassen. Bevor der Lokalpatriot beginnt, sie zu raufen (erst sich die Haare, dann nötigenfalls sich mit dem Ignoranten aus der Fremde).
Warum dieser Wille, man müsse seinen Lebensmittelpunkt in die Köpfe aller anderen als Nabel der Welt installieren?
 
Kann einem nicht egal sein, was irgendwelche dahergelaufenen Touristen in Irland denken, sofern ich mich zu Hause wohlfühle?

Nein, das genügt offenbar nicht. Und offenbar steht das Wohlfühlgefühl daheim auch auf tönernen Füßen. Wer nicht sieht, was es zu Hause zu verbessern gäbe, der hat sich vermutlich in eine Ideal-Vorstellung geflüchtet, die Leute, die etwas in Frage stellen, allzu schnell zerstören könnten. Daher die rüde Reaktion, wenn man nicht völlig begeistert ist und schon überlegt, ob man nicht an diesen Ort aller Orte zieht, um dort am Wunder des völligen Glücks teilzuhaben.
Daß man es nicht tut, liegt vielleicht daran, daß man sich kurz danach nicht mehr an den Namen des Ortes erinnert.

Oder daran, daß man selbst Lokalpatriot ist.
Zu Hause, wo die Welt noch in Ordnung ist. 
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