Die Gegenwart auf Papier zu bannen, hält den Moment fest. Gnadenlos, wenn man will. War diese Momentaufnahme früher allerdings noch eine Errungenschaft, weil man sich auf große Momente kaprizierte, hat es die unendlich scheinende Kapazität der digitalen Technik mit sich gebracht, daß man wahllos alles auf Festplatte bannt, was die Akkumulatoren hergeben. Mußte man zur Zeit des Zelluloids noch darauf achten, daß man nur eine begrenzte Zahl von Schnappschüssen zum Verballern hatte, kommt es jetzt nicht mehr darauf an.
Picture as picture can.

Was da Zeit verschwendet wird.

Denn erlebt man den Augenblick überhaupt noch, wenn man nur darauf achtet, ihn für die Nachwelt festzuhalten? Oder schießt man einfach mal ein Bild und verschiebt das Erleben des Momentes auf später, wenn man die Fotographie dann betrachtet? Wenn man ausschnittsweise den Moment vor sich hat, allerdings rein optisch, ohne Ton, ohne Geruch, ohne Geschmack und oft auch ohne Gefühl. Flach, aber mit hoher Auflösung und mit variabler Farbgebung. Man kann den Moment, den man selbst nicht erlebt hat, am Computer noch nachbearbeiten und so einer Erinnerung, die man nicht hat, auf die Sprünge helfen.
Augenblick mal, verweile, du warst so schön.

Schöner, als du gewesen sein magst.

Und dann wird abgespeichert, in einem riesigen Archiv, in das man kaum mal nachschaut, weil man zu sehr damit beschäftigt ist, es immer weiter zu füllen. Nach Jahren weiß kein Mensch mehr - und will es auch nicht wissen - wo und wann diese verwackelten Aufnahmen entstanden sind. Darauf kommt es aber nicht an. Es kommt darauf an, daß der Bildausschnitt stimmt, die Tiefenschärfe und auch die Belichtung. Das Motiv ist weniger entscheidend, schließlich fotographiert man nicht aus Spaß, sondern aus anderen Gründen (was auch immer das für Gründe sein mögen).
Und für die Dia-Show zu Hause, wobei man den Beamer anwirft und die Bilder an die Wand wirft, wo sie hingehören. 

Erkennet die Zeichen an der Wand.

War früher vor allem die Freizeit im Fokus der Hobbybelichter, dehnt sich das Interesse auch auf die banalen Alltäglichen aus. Alles muß dokumentiert werden. Was man vom Alltag der Ägypter zu wenig weiß, weiß man vom Alltag des deutschen Normalversagers zu viel. Man weiß nicht, wie Cleopatra aussah (und stützt seine persönliche Erinnerung auf Elizabeth Taylor in jungen Jahren), aber wie Cleo Meier aussah, weiß man von der ersten Lebensminute bis jetzt lückenlos. Im Wechsel der Jahreszeiten und Frisuren, im gleißenden Tageslicht und zuckenden Licht der Disco-Lichtanlagen, zu Hause und in Jesolo, alles ist dokumentiert. Für den Fall, daß man mal ein Alibi braucht, wo man am Tattag war, was man gemacht hat und wer das gegebenenfalls bezeugen kann.
Und das auch mit weiteren Fotos belegen kann.

Ich bin abgebildet, also bin ich.

Oft die einzige Bildung, die man aus dem Urlaub mitnimmt. Man läßt Kirchen und Museen hinter sich liegen (wenn sie farblich ins bildnerische Konzept passen), aber Sonne, Strand und Meer, nackte Haut und angezogene Handbremse sind immer einen Klick auf den Auslöser wert. Man spricht die Landessprache nicht und schert sich den Teufel um Kunst und Kultur, aber das wenigstens auf hohem, technischen Niveau.

Man ist nicht im Bilde, aber wenigstens im Bilde.

Zudem kann man ja jetzt seine Fotos sogar veröffentlichen, in Internetforen, als Leserreporter oder notfalls auch nur auf der eigenen Homepage. Da kann sie jeder sehen, mit dem Namen des Fotographen, ein kleines Stückchen Ewigkeit, für einige Sekunden Ruhm weltweit oder zumindest national, naja, wenigstens regional, immerhin bei den Leuten, die einen ohnehin schon kennen. Man schneidet das Bild aus der Zeitung aus und hebt es auf.
Das einzige Foto auf Papier, das man besitzt.

Wenn das mal kein Fortschritt ist. 
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