Kaum mehr benutzt wird das Wort "mutterseelenallein". Offenbar empfindet man es nicht mehr als Unbill, wenn selbst die Mutter einen allein läßt, die Frau also, die immer zu einem halten wird. Da mag man übelste Verbrechen begangen haben, deine Mutter wird immer zu dir stehen.
Dich zumindest im Gefängnis besuchen.

Auch, wenn sich die Welt sonst nicht mehr um dich schert.

Das muß an der zunehmenden Anzahl von Patchworkfamilien liegen. Kinder sind es in immer größer werdendem Maße gewohnt, nicht mit den eigenen Eltern aufzuwachsen - und im Zuge der Emanzipation sich nach der Trennung der Eltern auch mal von ihrer Mutter zu trennen. 
Da mag die Mutterseele noch so sehr beben.

Dann werden Väter zu Ersatzmüttern.

Dennoch gilt Mutterliebe als etwas sehr beständiges. Kaum eine Liebe wird als so selbstlos gesehen, kaum eine Beziehung wie die zu deiner Mutter prägt Menschen so sehr in allem, was sie ihr Leben lang machen, wie die Symbiose zum weiblichen Elternteil.
So kann man bemuttert werden.

Aber niemals bevatert.

Allerdings ist die Beziehung zwischen Mutter und Kind so unproblematisch nicht. Und das weiß man nicht erst seit Herr Ödipus sich ausgerechnet den Schoß, aus dem er entsprungen, sich zu dem Schoß auserkor, den er dann tatsächlich besprungen hat. Das war ihm schon als Schicksal prophezeit worden, aber er hatte dem keinen Glauben geschenkt. Wie auch kaum jemand an sich selbst nachvollzieht, wie sehr ihn seine Mutter geprägt hat - auch wenn er sie selten direkt heiratet. Das macht man über jemanden, der seiner Mutter allzu sehr ähnelt - sagen Psychologen - oder sich ganz bewußt von ihr unterscheidet.
Wobei man sich wiederum bei der Wahl derjenigen welcher an seiner Frau Mutter orientiert hat.

Man sieht buchstäblich, daß, wer sich von seiner Mutter gelöst hat, wohl eine Schraube locker hat. 

Allerdings steht zumeist fest, wer die Mutter ist. Das ist beim Vater nicht ganz selten anders. Vielleicht gilt deswegen die Mutter als Basiswert, während der Vater eher zu einer Art Luxus wird, den man sich leisten kann.
Aber nicht muß.

Von Vaterschaftsklagen liest man oft, von Mutterschaftsklagen eher weniger.

Wir sprechen die Sprache unserer Mutter, unsere Muttersprache nämlich. Die Sprache ist also weiblich, zumindest unsere eigene. Wir leben auch lange in Gesellschaft unserer Mutter, wobei es auch Muttergesellschaften gibt (meist geführt von einer Vaterfigur), die mehrere Töchter, aber kaum Söhne haben (die bekommen die Gesellschaften höchstens vererbt). Wir leben auf der Muttererde im Vaterland (woran man sieht, daß Mütter konkreter sind als Väter, letztere halten meist für abstraktere Begriffe her und sind auch im Begriffe, etwas abstrakter zu werden).
Aber nur das lieb Vaterland mag ruhig sein.

Der Muttererde kann man den Mund offenbar nicht verbieten.

Man sagt, es zieht einen immer dahin zurück, woher man kommt. Ich komme buchstäblich aus meiner Mutter. Aber will ich dahin zurück (wobei Herr Freud diesbezüglich eine interessante These, was den Geschlechtsverkehr anbelangt, erstellt hat)? Der moderne Mensch trennt seine Familienbande und lebt, will er nicht als wunderlich gelten, nicht direkt bis zur Vermählung im Hotel Mama. Letzteres ist übrigens die am häufigsten anzutreffende Hotelkette der Welt.
Komisch, daß sie sich halten kann.

Wo sie doch nur Verluste erwirtschaftet.

Denn irgendwann geht man seiner Gäste verlustig, weil die Gäste eigene Hotels aufmachen, deren Gäste auch zuweilen bei dir umsonst Dienstleistungen bekommen. So wird so manche Tochter (aber niemals ein Sohn) zur Mutter, deren Seele allein dem Zwecke dient, die Abkömmlinge gut auf das Leben vorzubereiten.
Um dann Undank zu ernten und irgendwann allein die Erkenntnis zu gewinnen, alles falsch gemacht zu haben.

Aber das schreckt niemanden ab, es selbst zu probieren. 
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