Jeder sieht Leistung anders, der Physiker als Arbeit pro Zeit. Der Politiker, je nach Richtung als Ziel, das sich wieder lohnen muß oder als selbstverständliche Gabe des Staates für Bedürftige. Als Leistung kann man es ansehen, wenn Sechsjährige lesen können, wobei sich dieselbe Fähigkeit bei Sechzehnjährigen nicht mehr als derart hervorhebenswert darstellt. Leistung ist auch etwas, was man im Kleinen als negativ ansieht ("Reife Leistung" ist kein wirkliches Lob, wenn einem etwas gründlich mißlungen ist), im Großen jedoch positiv (als Lebensleistung, wenn man es zu etwas gebracht hat).
Leistung ist meist etwas, was von anderen so gesehen wird.

Eigene Errungenschaften wird man selbst kaum als Leistung ansehen.

Zumindest, wenn man nicht an Egomanie leidet (wobei: Darunter leiden meist die anderen, der angeblich so leidende selbst empfindet seine Krankheit nicht als Leiden, eher als Auszeichnung). Eigenlob unter Herausstellen eigener Leistungen ist demnach nicht so gerne gesehen. Angeber haben mehr vom Leben, aber weniger Achtung ihrer Mitmenschen.
Kluge wissen sich andere Menschen dazu gefügig zu machen.

Claqueure erhoffen sich mithilfe dieser Hilfeleistung im allgemeinen eigene Vorteile.

Auch sind Leistungen dem Zeitgeschmack unterworfen. Wurden früher noch geistige Errungenschaften als Leistung angesehen, reicht es heute zuweilen schon, sich den Busen vergrößern lassen und mit einem annähernd Prominenten geschlafen zu haben. War früher die Ehrfurcht gegenüber der Leistung auch im Umfeld größer, muß man sich heute schon gewaltig strecken, um Anerkennung zu finden; zu groß sind die Beispiele in den Medien, gegen die man schwer anstinken kann. Was ist schon dabei, in einer unbekannten Amateurband zu spielen und ab und zu in einem kleinen Club aufzutreten, wenn die Castingshows in Hülle und Fülle unglaubliche Talente präsentieren (die dann für die berühmten 15 Minuten berühmt sind, bis andere Starlets durchs Dorf getrieben werden)?
Wer sieht noch eine Fernreise als Leistung an, wo man innerhalb eines Tages bequem überall in der Welt sein kann? 

Lohnt sich Leistung nicht mehr?

Insbesondere, wenn so mancher kaum noch etwas leisten muß, um viel zu erreichen. Man kann sein Geld arbeiten lassen oder auf sein Glück bauen. Man kann vom Tropf des Staates leben oder auf Kosten des Lebensgefährten (eine Taktik, die nicht eben selten ist und von der Gesetzgebung nicht immer unterbunden wird). Man kann von den Leistungen seiner Vorfahren leben (wobei das keine neue Taktik ist) oder auch von der Leistung, die man noch erbringen wird (Kredite beruhen auf diesem Modell, wobei die Hoffnung, das Geld tatsächlich nicht zahlen zu müssen, zuweilen Wirklichkeit wird). Man kann auch fremde Leistung als eigene verkaufen (in der Wissenschaft in Zeiten des Internets ein nicht eben seltenes Phänomen, es gibt inzwischen aber spezielle Programme, die Plagiaten auf die Spur kommen sollen) oder sich zumindest fremde Leistung zu eigen machen (Raubkopierer sind allerdings keine Erscheinung der Neuzeit).
Und so mancher kann sich gar nicht leisten, was er sich so leistet.

Über die Verhältnisse zu leben heißt, erst mal welche zu haben.

Und doch gibt es sie: Die Mitmenschen, die die Ärmel hochkrempeln, die sich für keine Arbeit zu schade sind und nebenbei noch ein paar Kinder auf das Leben vorbereiten. Die sich einen Freundeskreis leisten und ein Hobby, sowie ab und zu einen Urlaub. Die ihren Nachbarn helfen und deren soziales Gewissen machtbesessenen Politikern nicht alles durchgehen läßt. Die nicht nur an sich denken und auch mal über den eigenen Tellerrand hinaus schauen. Die viel mitmachen, aber nicht alles mit sich machen lassen. Die nicht jedem Trend hinterher hecheln und dennoch nicht den Bezug zur aktuellen, gesellschaftlichen Lage verlieren. Die nicht nur vor dem Fernseher sitzen und auch einen Sinn für Kunst und Kultur, aber auch für die Belange ihrer Mitmenschen haben.
Aber ist so etwas eine Leistung?

Und ob. 
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