So gut wie der Schmetterling kann das der Mensch nicht, aber auch er ist wandlungsfähig. Eine Fähigkeit, die aber meist in Äußerlichkeiten feststeckt. Nicht umsonst heißt es, Kleider machten Leute. Denn kaum hat ein Schlipsträger einen Blaumann an, schon meint er, er könnte selbst sein Auto reparieren. Und umgekehrt meint der Mechaniker im feinen Zwirn, er sei schon ein Mann von Welt.
Und wundert sich, daß ihn alle im feinen Restaurant schief anschauen, nur, weil er dauernd das Messer ableckt.

Die sind wohl alle nur hochnäsig.

Denn ungeachtet des Äußeren bleibt man in sich drinnen derselbe, da mag man sich noch so sehr verkleiden. Auch die dickste Schicht Make-Up täuscht nicht darüber hinweg, wer da unter der Farbe steckt; man muß nur genauer hinschauen. Denn man sieht zwar die Oberfläche, aber hat gelernt, von dieser auf die innerliche Befindlichkeit zu schließen.
Keiner trägt seine Seele in der Hand mit sich spazieren.

Aber das, was er mit sich herumträgt, hat mit seinem Innenleben zu tun.

Sich wirklich zu ändern, innerlich, das ist schwer. Da mag man einen alten Schulfreund treffen, der früher klein und schmächtig war, jetzt ist er breit und nicht mehr ganz so klein. Früher war er kaum zu sehen, jetzt ist er in seinem chromgänzenden  Boliden kaum zu übersehen (glaubt zumindest er). Und doch, unter all dem tollen Beruf, der Frau und Kinder und der Tatsache, daß er sich ein exotisches Hobby zugelegt hat und Goldkronen, schimmert immer noch der kleine, schmächtige Bursche durch, der kaum wahrgenommen wurde.
Du hast dich gar nicht verändert.

Danke (wobei: War das wirklich ein Kompliment?).

Aber so mancher macht tatsächlich auch eine innere Metamorphose durch, entweder bedingt durch eine traurige Geschichte, die mit eigener Krankheit oder Tod eines lieben Mitmenschen zu tun hat oder auch mit einer interessanten Reise außerhalb des eigenen Tellerrandes. Da werden spirituelle Erfahrungen im fernen Osten oder politische Sporen in einer Partei gesammelt, der man den Guten nun wirklich nicht zugeordnet hätte. Da wachsen Menschen über sich hinaus, werden Helfer in Krisengebieten oder entdecken ganz unverhofft (und erfolgreich) ihre künstlerische Ader. Sie kommen nach Jahren unverhofft um eine Straßenecke und sehen aus, als hätten sie eben noch den Federhalter auf der Schulbank abgelegt. Aber kaum machen sie den Mund auf, da merkt man: Da hat man einen komplett neuen Menschen vor sich.
Meine Hochachtung, da muß aber allerhand passiert sein. 

In ihm drin, nicht an der Oberfläche.

Doch, auch in den Augen sieht man die Veränderung und auch im ganzen Habitus. Der Name ist derselbe, aber der Looser aus der ersten Bank mit dem Vierfarb-Kugelschreiber in der Brusttasche seines karierten Hemdes ist zu einer Persönlichkeit herangereift. Und der Klassensprecher, dem alle den Bundeskanzlerjob zugetraut haben, hat es nur 10 Kilometer von seinem Geburtsort weggeschafft und arbeitet in irgend einer Versicherung. Er fährt ein großes Auto, führt aber ein kleines Leben.
Ja, so kann es gehen.

Wie habe ich mich eigentlich entwickelt? 

Wieviel von dem kleinen Jungen mit den großen Plänen ist eigentlich noch in mir? Hat mich meine Biographie geprägt? Oder denken die anderen, der mit dem großen Auto und der mit dem Ruch der großen, weiten Welt: Was ist denn aus dem geworden? Hat der sich verändert.
Oder denken die: Als wäre es gestern gewesen.

Der ändert sich auch nicht mehr. 
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