Was verletzt das Schamgefühl eigentlich noch in einer Zeit, in der jeder überall über alles und jedes sprechen kann? Einer Zeit, in der das Fernsehen rund um die Uhr von Brustvergrößerungen berichtet, Zeitungen sich ausgiebig über alle möglichen sexuellen Perversionen angeblich Prominenter und solcher, die es erst wegen der Enthüllungen werden, auslassen? In der der es kaum einen Bereich an Intimsphäre gibt, der nicht aus dem Internet heruntergeladen werden kann?
Ob es um Unaussprechliches geht oder Undenkbares: Im Netz gibt es sicher dazu wenigstens ein paar Bilder. 

Es scheint gar keine Tabus mehr zu geben, jedenfalls keine Schamgrenze.

Wobei Bereiche, die eigentlich eher weniger peinlich sind, durchaus nicht angetastet werden. So spricht kaum jemand über sein Gehalt, jedenfalls nicht hierzulande. Und das gilt gerade für die besser Verdienenden. Geld scheint noch eine letzte Enklave der Schamhaftigkeit zu sein. Nicht das, was man damit macht, im Gegenteil: Mit seinem Auto darf man ruhig protzen (man kann ja behaupten, es sei nur geleast), ebenso mit seinem Haus (neuerdings auch mit seinem Pferd, wahlweise mit seiner Frau). 
Aber das Bankkonto bleibt im Dunklen, ob bei der hiesigen Sparkasse oder in Liechtenstein.
 
Wobei selbst Schuldenmachen kein Grund ist, sich zu schämen.

Aber Geld zu haben oder viel Geld zu verdienen, ist offenbar anrüchig. Mag die Welt alles über seine sexuellen Vorlieben wissen, die Finanzen bleiben außen vor. Mag die Welt alles über die verflossenen und aktuellen Lieben wissen, wieviel man aktuell monatlich auf die Flosse bekommt, ist Privatsache.

Selbst, wenn man es brav versteuert. 

An der Angst, man könnte Neid erregen, kann es nicht liegen. Immer wieder öffnen im Privatfernsehen neureiche Proletarier ihre Pforten und zeigen kompletten Kamerateams ihr reiches Reich, vor allem den Fuhrpark und die Sammlung an Sehrgroßbildfernsehern.
Aber Fragen nach den Einnahmen werden überhört.

Geht doch keinen was an, fragen Sie lieber nach etwas Skandalösem.

Bei Bankmanagern und Politikern will man das immer wieder ändern, bei öffentlich Bediensteten kann man das dem Gesetz entnehmen (aber nicht weitersagen). Geld regiert die Welt, stößt aber immer noch an eine Schamgrenze, die man - zumindest in Deutschland - nicht überschreitet. 
Jedenfalls nicht gerne und freiwillig.

Gegenüber den Finanzbehörden muß man (oder sollte man).

Aber schon die eigene Ehefrau weiß oft nicht genau, wie hoch das Familieneinkommen so ist (kein Witz: So mancher Mann läßt sich getrennt veranlagen, damit seine Ehefrau nicht über die Einkünfte Bescheid weiß). 

Muß man sich für sein Gehalt denn schämen? Wenn es selbst erarbeitet ist, doch sicher nicht. Vor dem Hintergrund, daß es viel Elend und Armut auf der Welt gibt? Andernorts, etwa in den USA ist das, trotz allgegenwärtiger Armut, auch kein Hinderungsgrund.
Nein, man fürchtet wohl, daß man in Wahrheit doch weniger verdient als vergleichbare Zeitgenossen.

Und das wäre schlimmer als alles andere.


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