Ist das nicht wunderbar, wie die Natur explodiert? Als hätte sie nur auf ein wenig Wärme gewartet (was wohl auch der Fall ist), entfaltet sich überall ein Blütenmeer und frische Blätter in Maigrün. Und weil Feiertag ist, kommt auch zur Abwechslung mal das Vogelgezwitscher durch, das sonst durch den Maschinenpark der Hobbygärtner allenthalben akustisch verdeckt war. Dazu ein blauer Himmel und Amselpärchen, die sich suchen und finden.
Ist das Leben nicht schön?

Einen Wermutstropfen hat das Ganze aber dann doch.

Denn bald fallen wilde Horden ein, mit knurrendem Magen und vorwurfsvollem Blick, daß dein Garten nicht den DIN-Vorschriften eines deutschen Gartenzwerg-Zwerggartens entspricht. Überall Löwenzahn im Gras, die Hecken nicht annähernd geometrisch und der Zaun gehört auch mal wieder gestrichen.
Schon mal einen Blick auf den Frühling geworfen?

Oder nur die Augen auf das Ziel gerichtet, den Beamtengarten? 

Dann folgen Litaneien über Krankheiten (geführt von den älteren Eindringlingen) oder die technischen Möglichkeiten der neuesten Mobiltelefon-Generation (geführt von der Mobiltelefon-Generation). Man erfährt viel von den Gebrechen von Leuten, die man nicht kennt und von Funktionen, die ein Handy hat, die man auch nicht kennt und auch nicht braucht, die man aber brauchen könnte, wenn man sie denn benutzen würde, die sich aber jedenfalls toll anhören.
Weil die Welt offensichtlich nur darauf gewartet hat. 

Ob Frühling, Sommer, Herbst oder Winter: Moderner Smalltalk für alle Jahreszeiten.

Politische Themen werden eher vermieden, man ist sich nur einig, daß "die da oben" jedenfalls machen würden, was sie wollen. Obwohl sie doch machen sollten, was die da unten am Tischeende wollen, was es auch immer sein mag. Und dann wird über die Steuern gejammert und über die Preise, alles Themen mit einer langen Tradition. Und natürlich wird über die geredet, die nicht da sind. Das allein ist ja auch der Grund, warum Leute, die sich eigentlich nicht ausstehen können, überhaupt zusammenkommen: Daß man nicht über sie reden kann.

Höchstens beim Wegfahren, im Auto.

Hat die Tante heute wieder schlecht ausgesehen.
Welche?
Na, die, zu der ich vorhin gesagt habe: "Du schaust heute wieder bezaubernd aus."

So verschwinden hochwertige Lebensmittel in hochwertigen Fettwänsten und die jungen Leute verschwinden irgendwann, um eine zu rauchen. Denn das darf der Opa nicht sehen, weil er doch denjenigen den Führerschein gezahlt hat, die mit dem Rauchen aufhören. Überhaupt hört er heute wieder gar nichts, er ist schon ein wenig schwerhörig. Die Stimme von demjenigen, der das Pech hat, neben ihm zu sitzen, ist schon ganz heiser. Weil derjenige alles in Lautstärke übersetzen muß, was andernorts gesprochen wird. Laut klingt das allgemeine Geschwätz aber auch nicht weniger peinlich, deshalb werden in der lautstarken Übersetzung die peinlichsten Dinge einfach ein wenig beschönigt.
Oder im Zweifel ganz weggelassen.

Das muß man gelassen sehen.

Der arme Neffe, der leider noch keine Lehrstelle hat, wird außer mit Schweinebraten noch mit guten Ratschlägen vollgestopft, von denen Rentner, die nicht mehr arbeiten, den momentanen Arbeitsmarkt aber genauestens kennen, stets überreichlich mit sich führen. Schließlich hat man viel Lebenserfahrung aus einem Leben, das man genau genommen gar nicht mehr führt.
Aber wenn es um Dekoration der Inneneinrichtung mit dunklen, klobigen Möbeln geht, da sind sie jedenfalls unschlagbar.

Die Senioren, nicht die Ratschläge.

Dann findet man doch wieder zurück zu exotischen Krankheiten und jüngst oder schon länger Verblichenen, die man nicht mal dem Namen nach kannte. Der Versuch, das Thema auf den Frühling zu bringen, scheitert zunächst, begründet aber ein Lamento, wie sehr man doch unter dem Wetterumschwung leide. Da man nicht über das schlechte Wetter schimpfen kann, weil sich der Himmel strahlend gibt, ist es heute eben einmal zu heiß, zu schwül oder auch nur zu windstill. Wehe, wenn sich Mutter Natur aber nicht lumpen läßt und eine kleine Brise aufkommen läßt, dann sitzt man schnell im Zug (leider noch nicht in dem nach Hause) und muß unbedingt Platz tauschen mit jemandem, der gerade einen angenehmen Gesprächspartner gefunden hat.
Wo es auch nicht besser ist.

Ich bin halt nun mal empfindlich, da könnt Ihr schon ein wenig Rücksicht nehmen.

Dann aber hurtig in die Küche, den Kaffeedurst zu stillen. Die einzige Wespe im Umkreis von zehn Meilen erzeugt dann schnell Panik in der Runde. Auch Beschwichtigungen, daß es sich um eine harmlose Hummel handelt, helfen nichts. Denn wenn man allergisch sein sollte, kann man an allem sterben, was es auch immer für fliegende Monster-Insekten sein mögen.

Sahne mag man natürlich, um dann festzustellen, daß sie gezuckert ist. Wo man doch abnehmen wollte und gezuckerte Sahne doch soviel Kalorien hat. Aber man lebt nur einmal, Mensch, so jung kommen wir nicht mehr zusammen. Alle zusammen, Kinder, ist das schön. Ich weiß noch, wie früher, ja, da warst du noch ganz klein - und dann folgen mega-peinliche Schilderungen meiner Mutter über Verfehlungen meiner Kindheit, als ich noch ein ganz kleiner Hosenscheißer war, was ich da alles angestellt habe, man glaubt es nicht.
Die Verwandten glauben es aber doch. 

Was bei meinen Kindern im Nu meine Autorität in Frage stellt, denn ich war ja auch nicht besser und kann deshalb von ihnen auch nicht verlangen, sich ordentlich aufzuführen.

Selbst mein zaghafter Versuch, daß man wenigsten heute mal das lästige Piepsen der handlichen Spielkonsolen leise stellen sollte, scheitert kläglich. Von der Hoffnung, beim Essen könnte man das elektronische Spielgerät ganz beiseite legen, habe ich mich schon vor langer Zeit verabschiedet.
Immerhin quängeln die Kinder dann nicht ständig, weil sie irgendetwas im Fernsehen sehen wollen.

Inzwischen ist man beim Schnaps angekommen. Selbst die dicke Großtante mit Diabetes sündigt heute mal, schließlich kann man nicht auf einem Bein stehen. Sie kann aufgrund ihres schlechten Allgemeinzustandes nicht einmal auf zwei Beinen stehen und muß ständig zur Toilette geführt werden, was allmählich ein wenig auf meinen Rücken geht.
Kinder, ist das gemütlich.

Dann verabschieden sich die ersten, weil sie noch weit zu fahren haben, andere müssen zum Bahnhof gebracht werden. Leider sind die Autos mit den Selbstfahrern proppevoll mit Kindern und Kegeln, weshalb mir diese wertvolle Aufgabe zuteil wird. Am Bahnhof stellt sich heraus, daß man übersehen hat, daß der ausgesuchte Zug feiertags nicht fährt, also muß man den etwas müde wirkenden Verwandten noch eine Zeit Gesellschaft leisten, während zu Hause eine liebe Ehefrau schon zu mutmaßen beginnt, man wolle sie mit dem Berg Abwasch alleine lassen.

Dann sitzt man irgendwann Seite an Seite erschöpft im Sessel und ich höre mich sagen: "Gott sei Dank, das war's wieder für geraume Zeit."
Da meint die Liebe meines Lebens: Nein, hast du vergessen, daß Opa in zwei Wochen Geburtstag hat?"
Ich überlege schon, ob ich mich dem mit einer kleinen, plötzlichen Krankheit entziehen könnte, da liest meine Göttergattin offenbar meine Gedanken und sagt nur: "Vergiß es."
Aber einen Versuch wäre es wert. 

Vielleicht, wenn ich richtig böse wäre, überredete ich die lieben Verwandten zu einem Internetanschluß und ließe sie das hier lesen.
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