Manchmal muß er eben raus, der Druck, der innere. Manchmal vergißt man für ein paar Momente seine gute Kinderstube oder erinnert sich an ein längst verdrängtes, nicht so hervorragendes Kinderzimmer. Dann öffnet man den Mund und läßt es lautstark heraus, das böse Wort oder auch ein Defilee an Begriffen, die eine gewisse Unzufriedenheit ausdrücken sollen. Dann werden Menschen zu Tieren (und zwar Sender und Adressat gleichermaßen), wobei den Tieren hierbei oft Unrecht getan wird: So blöd sind weder Kühe, noch Gänse oder Schweine, wie sie gelegentlich als wenig objektiver Vergleich herhalten müssen.
Aber noch etwas wird verletzt.

Nämlich der gute Geschmack, die Grenzen der Höflichkeit und nicht zuletzt das Gesetz.

Ja, man zeigt sich als Rechtsbrecher, wenn man Zeitgenossen Dinge an den Kopf wirft, die wenig Köpfchen vermuten lassen. Denn nicht nur der Gescholtene wird heruntergeputzt, auch der Beleidiger disqualifiziert sich selbst als sachlicher Betrachter der Welt. Sicher muß man die Welt nicht immer objektiv betrachten. Aber zur Wahrung der eigenen Subjektivität ist Fäkalsprache nicht unbedingt vonnöten. Man kann seinen Standpunkt durchaus deutlich machen.
Aber man muß ihn nicht überdeutlich machen.

Was jemand nicht mit dezenten Worten versteht, wird er auch mithilfe von deftigen Entgleisungen nicht unbedingt einsehen.

Zudem verbaut man sich den Rückweg in sachlicheres Terrain und auch für konstruktive Auseinandersetzungen. Denn wer beschimpft wird, hält es in aller Regel nicht mit dem Vorschlag der Bibel, auch noch die andere Wange respektive das andere Ohr hinzuhalten. Vielmehr ist eine nicht unübliche Reaktion der ebenfalls biblische Gedanke des "Auge um Auge, Zahn um Zahn", der ein Echo von Verbalinjurien zur Folge hat.

Wie du dir, so ich mir.

Beleidigungen werden zwar auch als Volksgut verbrämt. So gilt in Bayern der "Grantler" durchaus als nicht selten anzufindendes Exemplar der folkloristischen Gattung. Allerdings rät gerade der bayrische Volksmund, sich doch um mündliche Anfeindungen nicht zu kümmern: Was schert es mich, wenn sich eine weibliche Vertreterin der Gattung Porcus an mir reibt?
Das ignoriere ich noch nicht einmal.

Die höchste Stufe der Beleidigung.

So begrüßenswert es ist, sich nur verbal zu bekämpfen, so sehr besteht allerdings die Gefahr, daß orale Attacken alsbald in gewalttätige Angriffe münden. Zudem schüren Beleidigungen oft unnötigerweise Aggressionen, wo man sie so gar nicht brauchen kann. Etwa im Straßenverkehr besteht die Gefahr, daß man den Puls eines Opfers grundlos hochjagt und dies zu einer gefährlicheren Fahrweise des Beleidigten führt, was die Wahrscheinlichkeit eines Unfalls und Verletzungsgefahr für völlig Unbescholtene merklich erhöhen kann.
Öl ins Feuer zu schütten, ist nie eine Geste großer Humanität.

Es ist auch viel schwieriger, Frieden zu stiften denn Unfrieden; nicht umsonst wurden Pazifisten wie Ghandi oder King berühmt.
Aber nennen Sie mir mal einen berühmten Beleidiger.

Zudem hat man es als Ziel einer Beleidigung selbst in der Hand, den offenkundig Verärgerten noch ein wenig höher auf seine Palme zu treiben: Indem man sich nicht ärgert. Denn Ärger auszulösen beim Gegenüber ist es, was der Verbalinjurist beabsichtigt. Denn ihn mehr zu treffen, als nicht getroffen zu sein, ist schlicht nicht möglich. Das muß in den modernen Zeiten, wo sich selbst Jugendliche gegenseitig bei der Polizei anzeigen, auch einmal klar statuiert werden. Wo Nachbarn jedes Wort auf die Goldwaage legen, um es dann in ein Kuvert zu stecken und zum Staatsanwalt zu schicken. Wo sich selbst Familienmitglieder untereinander anzeigen, weil ihnen der Umgangston nicht gefiel.
Als gäbe es nichts Wichtigeres auf der Welt, was die Beamten an Verbrechen zu klären hätten. 

Wer aber richtig gemein sein will, der lobt seinen Beleidiger noch vor aller Augen und Ohren. Damit kann man sich so manchen vergnüglichen Abend machen.
Vergnüglicher jedenfalls als eine Nacht auf einer gemütlichen Polizeiinspektion.

Bitte jetzt aber nicht als Kommentar mich wild beschimpfen in der Hoffnung auf ein Lob von mir. Ich will ja keinen Streit anheizen, ich bin ja ein friedliebender Mensch.
Ich denke mir meinen Teil.

Und lösche. 

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