Wer ohne Schuld ist, der werfe den ersten Stein. Wobei Steinigungen aus der Mode gekommen sind, zumindest in unseren Breitengraden. Aber auch Schuld anzuerkennen, ist eher nicht auf der Höhe der Zeit. Welcher Politiker gesteht noch eigenes Versagen ein, geschweige denn nimmt nach einem Fehler seinen Hut? Welcher Sportler gibt noch eine Unsportlichkeit zu? Welcher Autofahrer gibt zu, daß er einen Fahrfehler begangen hat?
Es wird sich und anderen in die Tasche gelogen.

Jeder ist auf seinen eigenen Vorteil bedacht, und Schuld einzugestehen gilt nun mal als Nachteil. 

Wobei schon vor sich selbst Fehler einzugestehen schwer ist. Und je öfter man darüber nachdenkt, desto unschuldiger ist man. Man erzählt die Geschichte im Bekanntenkreis, wo man die Befürworter der eigenen Position hört, die Gegner aber überhört. Und eh man sich's versieht, kann man die eigenen Extremitäten in reiner, weißer Unschuld waschen.
Und glaubt irgendwann selbst daran.

Und ist dann baß erstaunt, daß sich andere ganz anders an die Sache erinnern.

Denn das Erinnerungsvermögen ist ein seltsamer Speicher. Immer, wenn man sich an ein Ereignis erinnert, wird nicht etwa eine Kopie betrachtet, sondern man holt sich das Original der Erinnerung in sein Gedächtnis. Und baut eventuell von außen kommende Einflüsse in diese Erinnerung ein. Dann wird nicht etwa eine Art Backup gemacht, nein, man überschreibt mit dieser veränderten Erinnerung sein Original. Bis in diesem kein Funken mehr von eigenem Anteil an Schuld vorhanden ist.
Und man überzeugt davon ist, daß alle anderen dran schuld sind.

Nur man selbst nicht.

Umso schwerer ist es dann, das Übel an der Wurzel zu packen. Denn die Problemlage bleibt einem ja in aller Regel erhalten. Wer ein Alkoholproblem hat, dem nützt es nichts, die Schuld an dieser Schlägerei zu vergessen. Man fühlt sich zwar unschuldig, aber beim nächsten Konflikt mit Alkohol in Bauch und Hirn handelt man wieder wie vorher auch. 
Diesen Teufelskreis gilt es zu durchbrechen.

Das ist harte Arbeit gegen sich selbst, die aber vor allem einem selbst dient und hilft.

"Mea Culpa" ist auch nicht gerade die bevorzugte Haltung anderen gegenüber, denen man allzu gerne einmal einen Stein an ihr Brett vor dem Kopf werfen würde. Nicht erkennend, welchen Balken man selbst vor der Optik mit sich herumschleppt. Mit dem Finger auf andere zeigt man auch gerne, denn es lenkt von der eigenen Schuld ab, die man ja ohnehin nicht hat, weil man sich nicht gerne oder überhaupt nicht aus oben genannten Gründen an sie erinnert.
Ich bin kein Schwein, mein Herz ist rein.

Dennoch: Wer ist denn schuld an all dem Elend, all dem Mühsal und all den großen Übeln auf der Welt? Immer nur die anderen? Oder auch ich? Was trage ich dazu bei? Wenn ich wegschaue, mein Schäfchen ins Trockene bringe und darauf schaue, daß ich auf meine Kosten komme?
An mir liegt es jedenfalls nicht, wenn alles so ist wie es ist.

Daran würde ich mich doch ansonsten erinnern. 
Zurück zu Home