Die Fähigkeit, etwas zu schaffen, ohne Vorlage oder genaue Vorgaben, ist rar gesät. Wir leben in einer Welt voller Vorschriften, voller Regularien, voller Gesetze, die alles und allen vorschreiben, was zu tun, und, noch wichtiger, zu lassen ist. Sogar die Krümmung von Bananen ist Gegenstand einer Norm, der Mensch hantiert hier als Handlanger einer geballten Ladung Paragraphen, die auch seinen Rücken krümmen sollen.
Kein Wunder, daß so viele Menschen an Rückenbeschwerden leiden.

Wenn man sich nicht seine kleine Nische erkämpft, die man von dem Wust an Regeln freihält.

Wo man seine Gedanken in Bahnen lenken kann, die nur einem selbst gehören. Wo sich auch die Frage nach dem Sinn solcher Ausflüge in die freie Phantasie nicht stellt: Man läßt seiner Kreativität freien Lauf, ohne sich hieraus Verdienst oder auch nur Ruhm und Ehre zu versprechen. Einfach aus einem inneren Antrieb heraus schreibt man Gedichte, malt man Bilder oder komponiert man kleine Musikstücke, die nie gelesen, angesehen oder angehört werden.
Nur für die eigene Schublade, die eigene Wand, die eigenen Ohren.

Freilich schlummert in all diesen uneigennützigen Taten schon die Frage, die jeder Autor, Maler oder Akkordarbeiter unmittelbar gestellt bekommt: Hast du schon ein Buch oder eine Platte veröffentlich oder ein Bild verkauft? Wobei man sich selbst fragt, ob das eigene Steckenpferd weniger oder mehr wäre, wäre man auch kommerziell ein wenig erfolgreicher gewesen. Weniger, weil sich dann die bohrende Frage anschlösse, man wäre doch nicht nur der Kunst, sondern dem schnöden Mammon wegen tätig gewesen. Mehr, weil man eventuell etwas geschaffen hat, was auch andere Menschen erfreut, ihnen sogar soviel wert ist, daß sie etwas dafür von ihrem kostbaren Geld auszugeben bereit sind.
Ist Kunst wirklich Kunst, wenn sie sonst niemandem auf der Welt gefällt?

Wobei die Schwierigkeit vielleicht auch darin besteht, seine Kunst anderen zugänglich zu machen. Irgend jemandem gefiele sicher, was man in seiner stillen Stube fabriziert, allein nicht denen, denen man seine Werke präsentiert. Und selbst wenn es tatsächlich niemandem auf der Welt, ja im Universum auch nur ansatzweise gefiele, würde das tatsächlich den Wert schmälern, daß man sein Herzblut in seine Kreativität gelegt hat?
Oder ist die Tatsache, daß es niemandem gefällt, gerade Beweis dafür, daß es keine Kunst ist und man eben nicht sein Herzblut hineingelegt hat?

Genügt es nicht, daß man selbst das Vergnügen hatte, es im Schweiße seines Angesichts zu erschaffen?

Oder ist Kunst nicht auch die Fähigkeit, mit seinen Mitmenschen auf eine Art zu kommunizieren, die gewöhnliche Kommunikationsmittel nicht bieten? Wenn dann keiner seine Kunst versteht, ist es dann keine? Oder hat man sein Werk nur nicht ausreichend erklärt? Bei Erklärungen aber verwendet man nur das schnöde Werkzeug der gewöhnlichen Sprache. Sollte Kunst nicht für sich stehen, ohne erklärungsbedürftig zu sein?
Ist Kunst, die man erklären muß, keine Kunst, wird sie durch die Erklärung, die jeder für sich selbst finden würde, entwertet?

Ist das überhaupt wichtig, wenn man zu Hause im Wohnzimmer einer Idee nachjagt, ob sie nun in einer Geschichte, einem Bild oder einer Melodie besteht? Wer aus reinem Spaß an der Freude handelt, der ähnelt den Indianern, die einsam in die Wüste gehen, dort aus buntem Sand ein Bild auf den Boden ausstreuen und es, noch bevor es irgend jemand zu sehen bekommen kann, zerstören.
Ihnen genügt, es gemacht zu haben, einen Beweis für seine Existenz und auch ein ermutigendes Wort eines Dritten brauchen sie nicht.

Und das sollte für alle Kunst und Kreativität gelten: Ob sie nun anerkannt wird oder nicht, der Wert erschließt sich nur demjenigen, der kreativ ist und den dieser Anflug von Schaffenskraft glücklich macht.
Jedenfalls für den Moment, in dem man sich selbst genug war.

Dieses Bild kann man nicht zerstören.

 
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