Schon in der Schule konnte man sich ausgesprochen unbeliebt machen, wenn man den Autoritätspersonen (oder solchen, die glaubten, solche zu sein) Informationen zukommen ließ, die Wissen über Mitschüler preisgab, das diese eigentlich nicht offenbaren wollten, schon gar nicht den Lehrern. Mangels irgendwelcher Lateinkenntnisse nannte man das "Petzen". 
Und geißelte dies schändliche Tun mindestens durch Isolation des garstigen Plappermauls, wenn nicht sogar durch handgreifliche Strafaktionen.

Aber irgendwo zwischen Klassenzimmer und klassenloser Gesellschaft von Erwachsenen verlor das Petzen seinen Schrecken, bekam eine wissenschaftlich klingende Vokabel verpaßt und wird teilweise sogar finanziell unterstützt. So loben Supermärkte Fangprämien für das Petzen von Ladendiebstählen aus. Das Finanzamt hat eigens einen Telefonanschluß für Anzeigen gegen Steuersünder eingerichtet. Und die deutsche  Strafprozeßordnung sieht für Kronzeugen, also solche Delinquenten, die gegen andere Bösewichter aussagen, eine Strafmilderung vor.
Petzen lohnt sich also wenn man weiß, wie und wo.

Dennoch ist noch der Satz allgegenwärtig, wonach die größte Schande im Lande der Denunziant sei. Gemeinschaften halten zusammen, werden auch ohne Schwur "verschworen" genannt und mauern gegen alle Neugierigen. Von manchen Berufsständen, auch wenn sie nicht direkt der Ornithologie zuzuordnen sind, heißt es, sie würden Krähen kein Auge aushacken. Was allerdings auch von der Hackordnung abhängt: Genau wie gekündigte Mitarbeiter gerne aus dem Nähkästchen ihrer Ex-Vorgesetzten plaudern, erzählen Bosse vor Arbeitsgerichten skrupellos von allen Schwächen ihrer vormaligen Untergebenen. Verlassene Geliebte ziehen detailliert über das Intimleben mit ihren Verflossenen her, war dies ein Prominenter, sogar in der Öffentlichkeit der Presse, um eventuell selbst einmal als Prominenter zu gelten. Die Italiener steckten der internationalen Presse, daß ein deutscher Nationalspieler sich zu einer Tätlichkeit hat hinreißen lassen und gewannen dann prompt das Spiel gegen die deutschen Fußball-Nationalmannschaft, ohne den gesperrten Sünder. 
Und schließlich schließt sich der Kreis, indem Lehrer über die Leistungen ihrer Schüler in den Elternsprechstunden berichten.

Klatsch ist letztlich auch nur Petzen von möglicherweise unzutreffenden Fakten.

Ist Denunziantentum aber nur und ausschließlich schlecht? Wie steht es mit Anzeigen, um die ein gewissenhafter Mensch nicht herumkommt? Sollte man Kinderschänder nicht hinhängen, Vergewaltiger und Umweltsünder? Ohne Zweifel: Uneingeschränkt kann man da nicht tatenlos zuschauen. Aber wie steht es mit Schwarzarbeitern, die nebenbei Sozialhilfe beziehen? Sollte man diesen nicht vorher die Gelegenheit geben, eines der beiden Geldquellen zum Versiegen zu bringen, bevor man es selbst macht durch einen kurzen Anruf bei den Behörden? Sollte man Eltern verheimlichen, wenn ihre Kinder rauchen, obwohl man mit Krokodilstränen gebeten wurde, nichts zu verraten? Sollte man der Nachbarin einen Verdacht mitteilen, ihr lieber Mann könnte sich außerehelich betätigen? Sollte man jeden Schwarzfahrer melden, jeden blau machenden Kollegen und auch jeden sexuellen Fehltritt eines Kommunalpolitikers? 
Es kommt wohl auf den Einzelfall an: Wenn das verletzte Rechtsgut ausreichend hochwertig und die eigenen Vorteile ausreichend niedrig sind, gibt es dagegen vermutlich kaum etwas zu sagen.

Was aber, wenn dem nicht so ist?

Wenn man vorrangig aus der Hoffnung auf Eigennutz anzeigt, dann handelt es sich um schändliches Tun, ebenso, wenn es sich eher um eine Lappalie handelt.
Wann dies der Fall ist, muß jeder für sich entscheiden. Und auch mit den Folgen leben.

Denn als Geheimnisträger taugt man nicht mehr, wenn man sich als Denunziant betätigt. Dann sollte man sich nicht wundern, wenn man nicht mehr zu den Eingeweihten zählt. Denn beliebt macht man sich kaum, wenn man publik macht, was andere unter der Decke halten wollten. So mancher Nestbeschmutzer findet sich nach öffentlichem Applaus heimlich, still und leise strafversetzt in der Provinz wieder,  so mancher Informant muß mit einem Bedrohungsszenario leben, das er noch aus Schulzeiten kennt.
Zwischen Zivilcourage und Plappermaul verläuft eine dünne Linie. 

Wo man steht, weiß man mitunter nicht einmal selbst. 
Soviel sei verraten. 
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