Haltung zu bewahren in allem, was man tut, ist ein wenig aus der Mode gekommen. Solange jedenfalls, wie keine Kamera in der Nähe ist. Aber für sich selbst die Contenance zu wahren, ist für die Allgemeinheit nicht auf der Höhe der Zeit. Erst recht nicht, auch einmal eine Durststrecke durchzustehen, in welcher Haltung auch immer. Durchhaltevermögen ist keine Eigenschaft, die als unabdingbar gilt.
Pausen müssen sein.

Denn hätte der liebe Herrgott gewollt, daß wir durchhalten, er hätte uns die Pause nicht erfinden lassen.

Schon im Fernsehen muß man heute keinen Film ununterbrochen mehr von Anfang bis Ende durchstehen. Das Privatfernsehen zerhackt jede Sendung in kleine Stücke, zwischen denen man seine Konzentration auf so etwas anstrengendes wie das Zuschauen regenerieren kann. Und DVDs kann man an jeder beliebigen Stelle anhalten, wenn man sich überfordert fühlt. Inzwischen gibt es sogar technische Vorrichtungen, laufende Filme und sogar Live-Programme, die noch nicht genügend Pausen zur Verfügung stellen, durch Knopfdruck in ein Standbild zu verwandelt, bis man wieder Kraft getankt hat, sich den Fortgang anzutun. 
Schon kleine Kinder lernen so, daß nichts auf der Welt sie zwingen kann, etwas durchgehend machen zu müssen, zu was sie nicht unmittelbar unglaublich große Lust haben.

Autofahrten können jederzeit unterbrochen werden, wenn man unversehens auf Toilette muß, auch, wenn man hierfür bisweilen eine gewisse Zeit (sofern man sie durchhält) quengeln muß, bis der genervte Familienvater rechts anhält. Auch Schulstunden dauern nicht mehr 45 (geschweige denn 60) Minuten, sondern müssen unterbrochen werden können, wenn es dem kleinen Eleven danach ist. Zeigt sich die böse Lehrerin nicht willens, muß man halt seine Eltern diesbezüglich anspitzen, die erst in die Sprechstunde, dann zum Direktor und notfalls zum Schulrat gehen. Dies hat zur Folge, daß jede Lehrkraft peinlich darauf achtet, seine kleinen Monsterschäfchen nicht zu überfordern.
Will jemand nicht mehr, muß er nicht.

Und alle anderen auch nicht. 

Glaubt man wirklich, aus solchen Kindern werden Erwachsene, die sich nach der Decke strecken, wenn man danach verlangt? Die die Zähne zusammenbeißen, wenn Härte gefordert wird? Wo man doch im Notfall mit einem schönen Attest eines freundlichen Arztes der Foltermaschinerie jederzeit entkommen kann. Wo man doch Rechte hat, die sich aus dem Arbeitsgesetzbuch und den Sozialhilfesystemen ergeben.
Sicher, ich übertreibe.

Gerade die gegenwärtig wieder schwieriger werdende Lage auf dem Arbeitsmarkt verlangt von den Arbeitnehmern mehr. Allerdings ist fraglich, ob sich diesbezüglich Engagement überhaupt lohnt, denn wenn die Auftragslage es nicht hergibt, kann man sich totschuften und wird doch entlassen. Andererseits: Wenn die Nachfrage hoch ist, kann es sich der Arbeitgeber gar nicht leisten, seine Angestellten an die Luft zu setzen. Denn wo bekäme er dann Ersatz für seine eingearbeitete Belegschaft her?
Untersuchungen zeigen denn auch: Die innere Emigration der deutschen Untergebenen in die Abkehr von jeder Verbundenheit zum Unternehmen ist groß, allzu viel Eigeninitiative ist wenig vorhanden. 

Man hält auch nicht durch, sondern nur die Anstellung.

Diese Einstellung, sich nicht durch eine Krisensituation zu kämpfen, sondern alles einfach auf einen zukommen zu lassen, ist weit verbreitet. Woher sollen es die Menschen auch lernen? Es fehlt an Vorbildern, die Durchhaltevermögen suggerieren. Sportler wechseln notfalls den Verein oder auf die Bank, Politiker die Partei oder die Meinung. Und selbst Wissenschaftler werden nicht mehr an jahrelangen Forschungen gemessen, sondern allein daran, wie oft sie in Arbeiten anderer Wissenschaftler zitiert werden. Popsternchen halten sich nicht allzu lange in den Charts, bevor sie wegen Alkoholexzessen erst in den Schlagzeilen, dann in Entzugskliniken landen; und Moden wechseln mit den Jahreszeiten. 
Die Gesichter angeblich Prominenter wechseln schneller als Schönheitschirurgen dem Verfall Einhalt gebieten können.
Tradition ist etwas veraltetes, heute hat allein der Wandel Tradition.

Und selbst die Autos, die das Straßenbild bestimmen, ändern sich von Saison zu Saison rasant, wie man es nicht einmal von schnellen Sportboliden erwarten würde.

Wie soll bei diesem Höllentempo an technischer Veränderung, an politischem Drehkreisel und an Veränderung bei den allgemeinen Geschmacksverirrungen vom Menschen noch zu fordern sein, auch mal etwas eine lange Zeit durchzuhalten? Die moderne Art der Informationsverbreitung hat sogar zur Folge, wie Untersuchungen zeigen, daß kaum noch ein Artikel bis zum Ende gelesen, höchstens zum Schluß noch überflogen wird.
Wer also bis hierhin eisern durchgehalten hat: Bravo.

Sie gehören zu einer aussterbenden Rasse. 
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