Etwas heimlich zu tun, ist zuweilen ratsam, denn was nicht jeder weiß, kann auch keinen aufregen. Gleichzeitig hat ein solches Tun jedoch auch den Ruch von Unehrlichkeit, denn warum muß man das heimlich machen? Hat man etwas zu verbergen? Dennoch: Das allgegenwärtige Gespenst des Klatsches (oder auch der üblen Nachrede) ist so verjagt, denn Gerüchte entstehen meist, wenn man seiner Umwelt Infomationen weitergibt, die sich dann verbreiten und dabei verändern. 
Was aber gar nicht an die Außenwelt gelangt, kann sich auch nicht verbreiten. 

Wenn sich die Leute dann das Maul mit frei erfundenen Geschichten zerreißen, hat man diesem Ungeist zumindest keinen Vorschub geleistet.

Heimlichkeit ist aber auch bei Taten angezeigt, die nicht unbedingt viele Mitwisser haben sollten. Der gewöhnliche Verbrecher tut gut daran, sein Tun nicht allzu publik zu machen. Mag mancher Zeitgenosse ihm auch so etwas wie Bewunderung entgegenbringen (man vergesse nicht, daß sich viele Volkshelden aus Gaunerkreisen rekrutieren) , so ist einem auch das Interesse der Strafverfolgungsbehörden - ungewollt - sicher.
Was die Polizei nicht weiß, macht sie nicht heiß.

Mein Name ist Hase, ich weiß einen Sch.

Was aber doch überrascht, ist das Wort selbst. Denn in Heimlichkeit steckt offenbar das Wort "Heim", das Zuhause also, wo man sich wohl fühlt, also heimisch, wo man daheim ist, wo man Sicherheit hat, wo man die Beine auf den Tisch legen kann, ohne daß das irgend jemanden etwas anginge (außer vielleicht die Menschen, die mit einem zusammen wohnen, daher wähle man diese sorgfältig auch nach ihrer Toleranz aus). In einer Tat, die man im Verborgenen durchführt, in einer Heimlichkeit also, steckt also auch etwas von dem Ort, wo man wohnt und lebt. 
My home is my castle.

Mein Zuhause ist eine uneinnehmbare Burg, eine Trutzburg, wo alle anderen ausgeschlossen sind, wenn ich die Zugbrücke hochziehe.

Wenn ich heimlich etwas mache, schließe ich auch alle anderen aus, das wäre eine Gemeinsamkeit. Aber Heim impliziert auch den wohligen Ort, wo im Winter das Feuer prasselt (oder auch die Zentralheizung gurgelt), wo im Sommer der Kühlschrank mit dem Eis steht (na gut, er steht auch im Winter da, aber weniger mit Eis); wo das weiche, warme Bett steht und der Schrank mit allen Lieblingsklamotten; wo die Fotos aufbewahrt werden von vielen, schönen Momenten, wo man Erinnerungsstücke aus vorangegangenen Urlauben bunkert; und wo man gemütlich seinen Tee oder auch sein Glas Wein oder meinetwegen Bier genießt, wenn man müde am Abend nach Hause kommt. 
All diese positiven Aspekte stecken im Wort "Heim". 

Und wieviel Heim steckt im Wort "Heimlichkeit"?

Ist der Gedanke, etwas unter Ausschluß der Öffentlichkeit zu tun, tröstlich, weil dann die Tat wie das Wissen um die Tat allein mir gehört, wie eben auch mein Heim mir allein gehört? Ist mir Heimlichkeit insoweit vertraut, wie mein Fernsehsofa und mein Küchentisch? Wenn ich im Dunklen munkle, fühle ich mich da auch zu Hause? Doch eher weniger, denn die Heimlichkeit ist mit der Angst vor Entdeckung verbunden, ist in aller Regel auch mit einem schlechten Gewissen verbunden. Zwar mag es auch positive Heimlichkeiten geben, so die Vorbereitungen für eine Überraschungsfeier, die das Geburtstagskind tunlichst nicht mitbekommen sollte. Aber diese Art Heimlichkeit zielt geradezu auf Entdeckung, denn irgendwann soll der Jubilar ja überrascht werden, ansonsten die ganze Aktien völlig sinnlos wäre. 
Aber die gewöhnliche Heimlichkeit ist mit der Hoffnung verbunden, sie möge nie aufgedeckt werden.
 
Somit fühlt man sich mit dem Geheimnis in aller Regel gerade nicht wohl, so, wie man sich daheim wohlfühlt (oder es zumindest sollte). 

Insofern ist uns die Heimlichkeit meist selbst geradezu unheimlich, weil dort das Gefühl von Heimlichkeit , also Sich-Zuhause-fühlen eigentlich vollständig fehlt. Zu Hause darf ich alles sagen, ohne befürchten zu müssen, daß es die Runde macht. Zu Hause darf ich auch mal schimpfen, ohne gleich eine Beleidigungsklage am Hals zu haben. Zu Hause darf ich ich sein, ohne Schminke und in dem ausrangierten Pulli, der nur mir gefällt, weil er zwar unmöglich aussieht, aber so bequem ist, ohne daß sich irgend ein Vorgesetzter darüber mokiert. Zu Hause darf ich, wenn ich will, das Messer abschlecken, ohne mißbilligend angesehen zu werden.
Und, wenn ich viel Glück habe, darf ich zu Hause sogar im Stehen pinkeln.

Insoweit muß ich daheim nichts heimlich machen.

Wenn doch: Dann bin ich auch zu Hause nicht so ganz daheim. Wenn ich sogar zu Hause Heimlichkeiten habe, dann ist das, als wäre ich auch in meinen eigenen vier Wänden nicht so ganz heimisch.
Und das wäre doch unheimlich schade. 
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