Es ist sicher wichtig und richtig, seinen Mitmenschen im Falle der Not beizustehen. Für die Bedürfnisse seiner Zeitgenossen ein Auge zu haben und im geeigneten Moment zu reagieren, ist eine Gabe, aber menschlich gesehen schlicht eine Pflicht. Zwar ist Hilfe in unserer egomanischen Welt nicht unbedingt selbstverständlich. Aber in der Hilfestellung liegt auch eine innere Befriedigung für den Helfenden selbst: Viele erfahrenere Senioren etwa bezeichnen als die glücklichste Zeit in ihrem Leben diejenige, in der sie für jemanden anders da waren, da sein durften.
So ist Hilfe meist auch Selbsthilfe.

Ich erfülle meinen sozialen Zweck innerhalb der Gesellschaft, indem ich sozial engagiert bin.

Zwar mag Undank der Welten Lohn sein. Aber eine gute Tat, wie es so schön und unrealistisch heißt, trägt ihren Lohn in sich. Wer andern hilft, der zeigt sich als Mensch, tut etwas Sinnvolles und gibt sich auch selbst das Gefühl, doch kein so schlechter Mensch zu sein.
Helfen ist eine lobenswerte Leistung, wie nicht zu helfen eine tadelnswerte und weit verbreitete Unsitte ist.

Hilf' dir selbst, sonst hilft dir niemand, gibt sich der Volksmund in dieser Hinsicht eher pessimistisch.

Aber es gibt noch eine Leistung, die ebenso gewürdigt werden sollte wie die Hilfe: Nämlich das Annehmen derselben. Sich helfen zu lassen, ist ebenfalls keine Selbstverständlichkeit. Denn wer Hilfe annimmt, zeigt sich hilfsbedürftig, zeigt, daß er alleine nicht klarkommt. Er erkennt ein Problem bei sich, und das als möglich bei sich selbst anzunehmen, der man doch der Nabel der Welt ist, ist bereits ein großer Schritt. Man will unabhängig sein, alles alleine schaffen können, niemand zur Rechenschaft verpflichtet sein. Man ist erwachsen und auf fremde Hilfe schon längst nicht mehr angewiesen. Vorbei die Tage, als Mutti oder Papi dem Kleinen aufs Rad helfen mußte, jetzt steht man seinen Mann (oder sein Frau) und ist niemandem und zu nichts verpflichtet.
Also schafft man es doch mit links, dieses Problem auch noch zu lösen.

Der Starke ist am mächtigsten allein.

Sich also in dieser Situation dazu durchzuringen, daß es doch nicht ganz allein geht, ist ein Riesenschritt. Schon die Erkenntnis, daß man irgendein Problem hat, ist ein richtiger Schritt in die richtige Richtung. So mancher versucht zunächst, der Lage allein Herr (oder Dame) zu werden. Und laviert sich irgendwie durch, mit geschlossenen Augen geht das schon irgendwie. Und man arrangiert sich dann irgendwie mit einem halbscharigen Zustand.
Wenn, ja wenn man sich nicht doch irgendwann zu der Erkenntnis durchringt: Ohne fremde Hilfe geht es nicht.

Denn dann zeigt man sich als hilflos, als Kind, das nicht ohne fremde Hilfe ans Ziel kommt.

Und offenbart sich als hilflos, reißt die mühsam aufgebaute Fassade ein und gibt das kleine Häufchen Mensch preis, das sich dahinter verbirgt. Das erfordert durchaus Charakterstärke. Daher sollte man auch als selbstloser Helfer nicht enttäuscht sein, wenn man trotz seines Großmutes  nicht mit offenen Armen von den Hilfsbedüftigen aufgenommen wird. Und wenn der Dank dann ein wenig halbherzig auftritt. 
Denn ansonsten müßte der Unterstützte ja zugeben, daß Hilfe vonnöten war.

Und das ist dann die nächste Stufe der menschlichen Größe: Dank als der Welten Lohn.
Das klingt dann doch wie eine Utopie jenseits aller Realität. 
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