Alkohol mag vieles sein, Gift, Stimmungsmacher und Genußmittel. Eines aber stellt der Konsum von Alkohol nicht dar: Eine besondere Leistung. Trinken kann jeder, ohne sich speziell Mühe zu geben. Umso verwunderlicher der Stolz viele Menschen auf die getrunkene Menge am gestrigen Abend, wie spät es "mal wieder" wurde und wie betrunken man war. Nicht zu vergessen, wie schlecht es einem heute geht.
Ja, man ist schon ein toller Hecht und führt ein tolles, ausschweifendes Leben. Daß man im Grunde das selbst macht, was der einsame Trinker in der Bahnhofskneipe macht, ist so recht keinem klar. 
Man hat zuweilen den Eindruck, der Konsum von Alkohol dient vor allem dazu, es am nächsten Tag so vielen Zeitgenossen wie möglich zu erzählen, ja, daß das Reden über vergangene Exzesse viel wichtiger ist als der Genuß von alkoholischen Getränken selbst. 

Und die Erinnerungen so einiger Angeber aus ihrem reichhaltigen Lebensschatz hat dann auch mit Trunkenheit zu tun, wieviel man getrunken hat und wie die anderen "beieinander waren". So mancher Trunkenbold ist sich auch nicht zu schade, seine Spuckgeschichten (nein, nicht Spukgeschichten, obwohl auch diese Geschichten gruselig sind) bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit zum besten zu geben.
Ja, das muß wirklich zauberhaft gewesen sein, als einem so schlecht war.

Man wünschte, man wäre nicht dabei gewesen.

Dabei verarmt Alkohol, mindert die Sinne und blockiert die Aufnahmefähigkeit. Wieviel kriegt man eigentlich von einem solchen Abend mit? Filmrisse reißen wesentliche Teile der Erinnerung dahin. Welchen Wert haben denn lückenhafte Erinnerungen, wenn man sich bewußt der Erinnerung an Momente vergibt, die man doch eigentlich sammeln sollte? Wieviel der eigenen Vergangenheit schlummert im Dunklen, Nebulösen? Man kann sich an alle Tage erinnern, in denen man stumpfsinnig und ungern gerbeitet hat, aber hat alle Feiern vergessen, die man doch im Herzen bewahren sollte?

Will man deswegen soviel trinken, weil einem sein eigenes Leben nur wie grauer Alltag vorkommt?

Zudem hat Alkohol weitaus mehr negative Auswirkungen, als man denkt. Nicht nur der Straßenverkehr ist betroffen. Auch Beziehungen leiden bisweilen am Saufen; nicht jede Ehefrau ist über lange Zeit überglücklich, ihren Göttergatten aus irgendeiner Kneipe aufzulesen, nur, damit dieser vielleicht noch aggressiv wird und sie froh sein kann, nicht geschlagen zu werden. Überhaupt neigen vor allem Männer unter dem Einfluß von viel Bier und Schnaps zu Rohheit und Gewalt, sind nüchtern lammfromm, aber betrunken bricht die Bestie aus ihnen hervor. 
Zudem leidet auch so mancher Arbeitsplatz, denn nicht alle Arbeitgeber schauen lange seelenruhig zu, wenn ihre Mitarbeiter im Suff Fehler machen, zu spät kommen und vielleicht sogar noch handgreifliche Streitigkeiten mit den Kollegen anfangen. 
Zudem ist Alkohol nicht gut für die Figur und auch nicht - weitgehend ignoriert - für das Gesicht. Denn häufigen Alkoholabusus sieht man an den Tränensäcken, der Nase und auch an den Augen.

Das glaubt dir kein Säufer, deshalb ist es müßig, einen davon zu überzeugen.

Aber auch unterhalb dieser Schwelle hat der Alkohol einen hohen Stellenwert. Jedenfalls in Leben, die ansonsten anscheinend wenig lebenswert sind. Alkohol gehört da mit einer gewissen Selbstverständlichkeit zum Lebensstandard, ohne flüssigen Seelentröster geht es schlicht nicht. Die Stimmung steigt ja erst mit dem Alkohol, ohne Hochprozentiges ist man einfach nicht gut gelaunt. Das könnte aber auch damit zusammenhängen, daß Alkohol schlicht das Niveau senkt, und je niedriger das Niveau, desto mehr gibt es, über das man lachen kann. Niveauvolle Witze gibt es nun mal weniger als niveaulose, je mehr man sich also dem Bodensatz nähert, desto mehr gibt es, das der Alkohol einen witzig vorkommen läßt. 
Das ist dann so lustig, daß man kotzen könnte. und man tut das dann auch.

Dennoch ist Alkohol auch ein Genußmittel und verlängert - in geringen Dosen - das Leben. Das liegt nicht unbedingt nur an den Inhaltsstoffen. Denn wer überhaupt keinen Alkohol trinkt, ist vielleicht auch sonst zu streng mit sich und seiner Umwelt. Und das ist - wie alles Extreme - auch nicht gut für die Psyche. Ein Grund, den Alkohol zu verharmlosen und bei jeder Gelegenheit peinliche Witzchen über das Trinken zu machen, dauernd Trinksprüche abzusondern und jeden, der nicht klar im Kopf bleiben will, lauthals als Spaßbremse zu stigmatisieren, sollte das aber nicht sein.
Sollte.

Denn rund um einen wimmelt es von Leuten, die an sich gerade so toll finden, daß sie viel saufen. Und können sich gar nicht vorstellen, daß einen das abstoßen könnte.
Wo Alkohol zu trinken doch wirklich etwa ganz Wunderbares ist.

Wenn man sonst nichts hat, was einen auszeichnen könnte. Arm im Geiste.
So, und jetzt gehe ich einen heben.

Aber nur einen. 
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