Gleichzeitig hoch im Kurs und doch verpönt, fristet die Perfektion ein Nischendasein zwischen Zielvorstellung und Über-das-Ziel-Hinausschießen. In einigen Bereichen unseres Lebens ist es unabdingbar, Perfektion zumindest anzustreben, wenn sich ihr nicht mit allen zu Gebote stehenden Mitteln tunlichst anzunähern. So sollte ein Atomkraftwerk, wenn schon überhaupt, dann doch perfekt laufen, widrigenfalls wir unseren Energiehunger mit dem Leben bezahlten. Auch wünscht man sich, daß die sicherheitsrelevanten Teile am Auto perfekt funktionieren, etwa die Lenkung und die Bremsen, weil auch davon unser Leben abhängen könnte.
Allein, wir alle wissen aus den Unfallstatistiken, daß Bremsen versagen und auch Lenkungen woanders hinführen können, als wir dies wünschen. Und setzen uns doch tagtäglich hinter das Steuer.

So mancher könnte vom Versagen der Technik ein Lied singen, wenn er denn noch singen könnte.

Allerdings ist die Jagd nach Perfektion auch zu einer sportlichen Herausforderung verkommen, der wir neue Krankheiten, etwa das "Burn-Out-Syndrom" verdanken. Menschen, die immer nur wie ein Uhrwerk funktionieren wollen, packt irgendwann die Unruhe und sie geraten aus dem gnadenlosen Takt, den ihr Arbeitspensum ihnen vorgibt. Sie entladen ihre inneren Akkumulatoren bis zur völligen Erschöpfung. Denn die Schöpfung hat sie als unvollkommene Wesen geschaffen, die weder wie Roboter ohne Unterlaß ihre selbstgewählte Aufgabe erfüllen, noch wie Maschinen ohne Pause produktiv sein können.
Denn wie heißt es so schön: Nur wer nicht arbeitet, macht keine Fehler.

Alle anderen sind permanente Fehlerquellen. 

Dennoch sucht man etwa im angloamerikanischen Raum "Mr. Perfect" (oder, je nach Wunsch, auch "Misses Perfect"), versteht also unter dem Traumpartner den Herrn oder die Frau Perfekt. Ist ein perfekter Mensch wirklich perfekt für uns? Ein Mensch ohne jeden Fehler? Wäre das nicht unerträglich? Wäre ein Mensch mit Fehlern, die uns nicht stören und mit Stärken, die wir gerne hätten, nicht perfekter? Andernfalls müßte man immer Angst haben, alsbald von solch einem Fabelwesen verlassen zu werden. Wenn der nur draufkommt, was für ein fehlerhaftes Exemplar der Gattung Mensch er da an seiner Seite hat, dann fliegen wir auf und er oder sie davon. 
Oder sollte es ein Mensch sein, der genau dieselbe Fehlerquote hat wie wir, damit wir uns auf Augenhöhe begegnen könnten? Wäre solch ein fehlerhafter Zeitgenosse nicht eher perfekt für uns? 

Auch, wenn die meisten Menschen versuchen, einen Partner an Land zu ziehen, der mindestens eine Stufe über ihnen steht, um sich selbst auch perfekter zu fühlen, als man sich fühlt.

Damit wäre Perfektion in der Beziehung ein relativer Begriff. Und begriffsstutzige Mitmenschen könnten gar nicht erkennen, warum wir uns gerade an diese Pfeife gebunden haben, mit der sie niemals Tisch und Bett teilen würden.
So mancher Mensch betrachtet insoweit auch seinen Partner insgeheim als "Lebensabschnittsgefährten", der nur Platzhalter für jemanden ist, der noch kommt und noch ein wenig perfekter sein mag.  

Oder ist der perfekte Partner nicht jemand, bei dem man sich keine Gedanken über all das macht, weil man ihn schlicht liebt?
Und, um die Sache wirklich perfekt zu machen: Der einen selbst auch liebt.

In einer Welt zu leben, in der man in Liebe lebt: Perfekter kann die Welt gar nicht werden.
Wenn die Bremsen und die Lenkung nicht versagen und auch die Störfälle sich in geordneten Bahnen halten, damit man die perfekte Welt auch lebend genießen kann.

Das wäre perfekt.
Aber die Welt ist nicht perfekt. Sie hat viele Fehlerquellen. Aber dann würden einem die Fehler vermutlich gar nichts mehr ausmachen. 
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