Was man sich noch vor nur 20 Jahren nicht vorstellen mußte, weil es Realität war, kann sich jetzt kaum noch jemand vorstellen: Ein Leben ohne Internet. Ein englischer Physiker namens Tim Berners-Lee wollte 1989 nur verhindern, daß Ideen von kurzzeitig Beschäftigten verloren gehen und schuf hierfür eine Möglichkeit, Einfälle auszutauschen. Er nannte es "Netz", weil es die einzelnen Ideengeber miteinander vernetzen sollte. 
Und dieser Name blieb, nur es wurde ein wenig größer, als der Ideengeber es sich jemals hätte vorstellen können.

Die von ihm niedergeschriebenen Grundsätze gelten noch heute.

Allerdings hat das Wort "Netz" neben dem übertragenen Sinn noch einen unmittelbaren Sinn. Mit Netzen fängt man Tiere, insbesondere Fische, aber auch Vögel. Man kann allerdings auch Vögel mit Netzen davon abhalten, Früchte von Bäumen zu naschen; zudem kann man in tropischen Gegenden ohne Netz gegen Insekten nachts kaum ein Auge zumachen. Nicht zu vergessen Menschen, die merkwürdigerweise nachts schlafen können, obwohl sie zum Schutze ihrer kostbaren Frisur ein Haarnetz tragen.
All das trifft auf das Internet auch zu.

Denn insbesondere diejenigen, die sich ein Leben ohne Internet gar nicht mehr vorstellen können, sind im Grunde schon in ihm gefangen, wie ein Fisch inmitten vieler, anderer Fische. Sie sind gefangen in der Mitteilungsflut ihrer Zeitgenossen, kontrollieren ständig ihren Posteingang und sind beunruhigt, wenn sie einmal auch nur für kurze Weit nicht online sind. Wenn etwa der Server technische Probleme hat, bekommt so mancher Internetjunkie schon Schweißausbrüche. Internetsucht gilt inzwischen auch als offizielle Krankheit. Teilweise ist so mancher Süchtige rund um die Uhr im Netz, was ihm, wie in obigen Beispielen nicht nur den Schlaf raubt, sondern letztlich auch die Gesundheit. 
Und im Extremfall alle sozialen Kontakte.

Vernetzt mit der ganzen Welt, aber völlig allein.

Und das Netz schließt auch aus, wie der Schutz an Bäumen vor diebischen Vögeln. Nämlich diejenigen, die - so etwas gibt es auch heute noch - keinen Internetanschluß haben. Da so manche Firma nur noch über das Internet erreichbar ist und man teilweise nur noch über das Netz etwa Waren bestellen kann, ist man ohne Internet insoweit aufgeschmissen und ausgeschlossen. Gerade ältere Leute beklagen oft, daß sie zu alt seien, sich noch mit dieser Technik zu beschäftigen und dadurch Zugang zu so manchem Alltagsgegenstand nicht mehr hätten.
Ist das aber wirklich ein derart großer Nachteil?

Ist man ohne Internet vielleicht sogar besser dran?

Früher hat man auch Partner gefunden, ohne sich vorher über irgendeine Comunity kennenzulernen.Man traf sich zufällig auf Festen oder an der Arbeitsstelle. Man bewarb sich um Arbeit ohne Angst haben zu müssen, daß die Personalabteilung in irgendeinem Forum peinliche Bilder mit Jugendsünden heruntergeladen hatte. Fahrkarten kaufte man am Bahnhof gegen Barzahlung; Waren kaufte man, indem man in einen Laden ging und sie dort auswählte und gleich mitnahm- darum bekam man auch nie etwas zugeschickt, was man weder brauchte, noch im geringsten so aussah wie auf dem Hochglanzbild auf der Homepage des Versenders; bei Informationsbedarf schaute man in ein Lexikon oder ging gegebenenfalls in eine Bibliothek - und hat es darum auch im Gedächtnis behalten.

Und heute?

Ist es ein Zufall, daß gleichzeitig mit der weltweiten Vernetzung aller Menschen die Einsamkeit weltweit wächst und auch die Zahl allein Lebender überall zunimmt? Daß die Menschen immer unfähiger werden, eine Beziehung einzugehen und auch dauerhaft aufrechtzuhalten? Ist es Zufall, daß trotz des immer einfacher zu erlangenden Wissens die Welt immer unwissender wird, daß selbst Grundwissen zunehmend verloren geht? Ist es Zufall, daß, obwohl die Methoden, Waren herzustellen und an den Kunden zu bringen, immer mehr verfeinert werden, also eigentlich die Bedarfsdeckung leicht und reibungslos vor sich gehen sollte, man nunmehr vor der größten Wirtschaftkrise steht, seit man neuzeitlich denken kann?

Oder hat das mit dem Internet nichts zu tun?

Man könnte doch allzu leicht die Einsamen zusammenbringen, das gesammelte Wissen zu den Dummen bringen und auch das Wirtschaftswissen der Gelehrten zusammenbringen und so diese negativen Auswirkungen der Bankenkrise weltweit mit vereinten Kräften abwenden.
Daran scheitert es wohl: Ist man auch weltweit vernetzt, zieht jeder an seinem eigenen Strang, oder, um im Bild zu bleiben, an seinem Teil des Netzes. Es wird in alle Richtungen gezogen und bleibt so gespannt.
Um uns alle zu fangen und um unseren Schlaf und unsere Gesundheit zu bringen.
Und unser Geld.

Man darf gespannt sein, ob wir das alle noch lange zulassen.
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