In jüngster Zeit hat sich ein neues Feindbild - vielleicht auch nur ein alter Typus mit neuem Namen - herausgebildet, der sogenannte "Gutmensch". Die meisten verstehen darunter jene nervigen Zeitgenossen, die die Welt verbessern wollen und dabei irrational-idealistische Vorstellungen haben. Sie kommen meist aus dem politisch linken Lager und haben Sozialpädagogik (neuerdings: Sozialarbeit) studiert und haben sozialromantische Vorstellungen, die sich mit der rauhen Wirklichkeit nicht vereinbaren lassen. Auch, wenn der Gutmensch etwas Positives will, er geht einem jedenfalls durch die Art, wie er dieses anpeilt, ganz ungehörig auf die Nerven.
Wieder andere verstehen darunter pharisäerhafte Verhaltensweisen von Leuten, die anderen politische Korrektheit predigen, sich selbst aber nicht daran halten. 
Sei es wie es sei: Jeder versteht unter "Gutmensch" etwas anderes. 

Es gibt nun mal keine gesetzliche Definition. 

Interessanter finde ich, wie man eigentlich auf diesen Ausdruck kommt, der doch sehr unglücklich gewählt ist. Warum belegt man etwas negativ Besetztes mit einem positiv besetzten Ausdruck? 
Sucht man nicht das Gute im Leben? 
Man will, daß es einem gut geht, daß sein Leben gut verläuft, jedenfalls will man sich auch einmal etwas Gutes gönnen. Im Film wie im Leben hofft man, daß der Gute am Ende gewinnt. Man will gute Noten in seiner Beurteilung und daß es die Menschen gut mit einem meinen. Man ißt nicht nur bürgerlich, nein, man ißt gutbürgerlich und man hat nicht nur Geld auf der Bank, sondern ein Guthaben.
Warum also ist der Gutmensch etwas negatives?

"Gut" hat zwei Gegenteile: Böse und schlecht. Mag das Böse noch eine gewisse Ästhetik im Kino haben und einen Thriller erst interessant machen, schlecht will man sich nicht machen lassen. Niemand liebt schlechte Arbeit, schlechte Lebensmittel - ist Fleisch oder Fisch schlecht geworden, kann der Verzehr lebensbedrohlich werden - oder schlechte Schauspieler (außer vielleicht in Daily Soaps). Arbeitet ein Handwerker schlecht, muß er möglicherweise Schadensersatz leisten. Lebensmittel kühlt oder konserviert man chemisch, um den Verrottungsprozeß tunlichst zu verlangsamen und schlechten Darstellern ist im allgemeinen keine große Karriere beschieden (außer vielleicht im Privatfernsehen). 
Auch sollen Bosheit und Schlechtigkeit nicht die Oberhand gewinnen, jeder hofft auf ein Happy End.

Jemanden als gut zu bezeichnen und ihn damit gewissermaßen zu beschimpfen, erscheint in diesem Zusammenhang durchaus überraschend.

Wie sieht sich derjenige, der den Gutmenschen als Negativfigur brandmarkt? Als Schlechtmensch? Als Bösmensch? Strebt man selbst tatsächlich nach dem Bösen, nach dem Schlechten? Ahnt man von sich selbst, daß man die Suche nach der Wahrheit, dem Guten und Reinen, der Verbesserung der Welt nicht so vehement betreibt, wie es der Welt gut täte? Tut man selbst eben nicht annähernd das, was man könnte, um dem eigenen Ideal zum Sieg zu verhelfen? Hat man etwa sein Ideal schon aufgegeben und rudern frustriert nur noch durch die hohen Wellen, die das böse Schicksal an die eigene Nußschale schlägt in der stillen Hoffnung, daß schon alles gut und man nicht über Bord gehen werde? Fühlt man tief im Inneren, daß jemand, dessen Ideale noch nicht dem Alltag zum Opfer gefallen sind, einen selbst an das schlechte Gewissen erinnert, das man hat, weil man nicht wie er das Richtige zumindest will?
Offenbart sich in diesem unseligen Ausdruck "Gutmensch", daß man von sich selbst eher schlecht denkt?

Oder hält man sich für normal, nicht böse oder schlecht, aber eben auch nicht gut?

Um gut zu sein, müßte man vielleicht mehr tun, sich mehr engagieren, sich mehr einsetzen, einmischen. Und der, der sich engagiert und dabei anderen auf die moralischen Zehen tritt, der Idealist, dem kann man nicht verzeihen, daß er einen an die eigene Handlungsunwilligkeit erinnert. Da kann man ihn als "Gutmensch" zumindest herabwürdigen und sich so mit seiner Passivität ein wenig aussöhnen.
Denn der Welt ist ohnehin nicht zu helfen.

Oder etwa doch? 
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