Jeder hat einen oder bildet sich zumindest einen und bildet sich auch ein, einen zu haben. Manche lassen es sich auch etwas kosten, ihren Geschmack zu zeigen, andere geben ihr Geld lieber für Dinge aus, die nach ihrem Geschmack wichtiger sind. So mancher mag Lakritze und volkstümliche Musik, ich komme gut ohne beides aus; ich meine aber, jeder darf sich Lakritz einverleiben, bis die Zähne schwarz sind und der Blutdruck auf 250 ist und darf sich Herrn Silbereisen im Fernsehen anschauen, bis ihm die Alpenlandschaften aus den Ohren kommen, solange ich beides nicht muß. Derjenige darf sich aber nicht über meinen Hang zu Kokosschokolade und Rockmusik auslassen, sondern er sollte mich damit glücklich werden lassen, solange dies meine Figur und meine Ohren zulassen.
So kann sich jeder auf seine Weise ausleben.

Wären das nicht diese unangenehmen Zeitgenossen, die für sich in Anspruch nehmen, mit ihrem Geschmack missionieren zu müssen. 

Meist sind das Menschen, die nur aus ihrer Sicht einen hervorragenden Geschmack haben. Dies insbesondere in der Sparte Kleidung. Es gibt nämlich durchaus auch unvorteilhafte Arten, sich zu kleiden. Wobei man unterscheiden muß, ob es dem Träger wichtig ist, sich gut zu kleiden oder nicht. Selbst in letzterem Fall gibt es durchaus Eiferer, die dich als ihren Zwilling wünschen. 
Sie betonen farblich ihre natürliche (oder unnatürliche) Blässe (oder Bräune) und meinen, daß du es ihnen gleichtun solltest. Sie haben Körperpartien, die man kaschieren könnte und auch sollte, geben dir aber jederzeit ungefragt gute Ratschläge, wie du deine Problemzonen besser in den Griff bekommen könntest. 
Sie tragen Kleidung für Halbwüchsige in den Körpern alter Männer oder halten bauchfreie Schwabbelnabel für sexy und deine Art, in der Hüftgegend eher Zurückhaltung - was die Offenlegung betrifft - zu üben, für spießig oder zumindest unvorteilhaft bezüglich der Wirkung auf das andere Geschlecht. Sie trampeln wie die Kühe in fragilen High-Heels über das Straßenpflaster und lachen dich wegen deiner flachen Schuhe aus. Sie gehen in Neon-grün oder Pink zu einer Beerdigung und finden, daß dir schwarz nun so gar nicht stünde.
Wie reagiert man jetzt da am besten?

Nachsichtig, freundlich lächelnd? Charmant und witzig, aber taktvoll? Brutal und ehrlich oder gar ärgerlich und emotional?
Wahrheit oder Rüge.

Von einem guten Freund wird man einen dezenten Hinweis auf mögliche Verbesserungen deines optischen Erscheinungsbildes auch leichter hinnehmen als von Fremden, vor allem, wenn einem diese auf den ersten Blick schon herzlich unsympathisch sind.
Oder liegt das überhaupt an der Sympathie?

Setzt man gewisse Vorlieben unliebsamer Zeitgenossen vielleicht mit seinen kleidungstechnischen Entgleisungen gleich und hat immer im Hinterkopf: Bevor ich so rumlaufe, würde ich lieber halbtot umfallen?
Und geht es dem Anderen genauso?

Hat er nur mehr Chuspe oder auch Rücksichtslosigkeit, dir das auch noch auf dein Näschen (das du für Klamotten doch hast) zu binden?

Am glücklichsten sind vielleicht die, denen so ein Ratschlag nichts ausmacht, die so einen Hinweis weder ablehnen, denen er auch nicht im Hinterkopf still und heimlich herumrumort, denen es schlicht egal ist, was die anderen von ihnen halten. Die dann keinen schalen Geschmack im Munde haben, für die das Ganze auch keinen faden Beigeschmack hat, nicht mal ein Geschmäckle. Die so sind wie sie sind. Was wir alle anderen vielleicht sogar als Verhaltensform anstreben, aber nicht immer so ganz schaffen.
Wobei es manche leider nicht einmal versuchen.

Ob man so sein will, ist letztlich wohl Geschmacksache. 
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