Der Flucht vor der Langeweile verdanken ganze Industriezweige ihr Dasein. Das Leben darf alles, bloß eins nicht: Langweilig sein. Dabei kennen viele Menschen den Zustand nur allzu gut und so manche Schnapsidee ist mittelbar Ausfluß geistiger Leere (aus dem nur wenige eine Lehre ziehen). Überraschenderweise kennen gerade junge Leute die Langeweile bisweilen gut; man möchte ja meinen, gerade in jungen Jahren wüßte man gar nicht, was man zuerst mit seiner kostbaren Zeit anfangen soll angesichts des überbordenden Angebots. Aber so mancher Jüngling weiß mit sich und seiner Zeit nichts rechtes anzufangen und kommt dann vom rechten Pfade ab und landet auf so manchem Holzweg.
Wo das Leben doch so bunt und vielfältig ist und nur darauf wartet, einen mit offenen Armen zu empfangen.

Dennoch hat die Langeweile auch einen Vorteil.

Ob dieser einer ist, mag jeder für sich befinden. Denn wer seine Zeit im Sauseschritt durchlebt, wer immer in vorderster Linie steht, wenn es gilt, pralle Vergnügungen mitzunehmen, der wird feststellen, daß die Zeit dann wie im schnellen Vorlauf verrinnt. Kaum hat man Spaß, schon ist er Ruckzuck vorbei. Kaum hat man sich mal ins Getümmel eines wilden Vergnügens gestürzt, schon ist alles vorüber. Wenn man sich amüsiert, vergeht die Zeit wie im Flug.
Aber sitze mal in einer Arztpraxis und schaue zu, wie sich der Minutenzeiger alle halbe Stunde einen Strich weiter bewegt. Warte mal auf diese ewig unpünktliche Person an der zugigen Straßenecke, da kommen einem ein paar reale Minuten wie eine halbe Ewigkeit vor. Schüler sitzen in Schulstunden und kämpfen mit einer bleiernen Müdigkeit, als hätte jemand die Pause-Taste gedrückt. In dieser Zeit scheint man länger gelebt zu haben. 
All die Urlaubstage unter strahlender Sonne mit den Füßen im Sand sind flugs vorbei, aber mit nassen Schuhen im Regen auf den blöden Bus zu warten, das zieht sich.

Umgekehrt wäre es besser.

Aber so kann man sein Leben immerhin künstlich, wenn auch höchst ungern verlängern. Jedenfalls kommt es einem so vor. Wäre das Leben ein einziges Volksfest, man wäre wohl schon längst unter der Erde. Aber so, mitsamt den langweiligen Momenten, in denen man sich bewegt wie ein Pendel in Honig, gewinnt das Leben wenn nicht an interessanten Erfahrungen, so doch an subjektiver Länge.
Objektiv mag eine Minute unbarmherzigerweise immer eine Minute sein.

Aber im persönlichen Erleben kann so eine Minute von einem Wimpernschlag bis zu einer Ewigkeit alles bedeuten.

Und so in unserem Empfinden das Leben verkürzen oder verlängern. Zwar würde man gerne sein Leben verlängern, aber doch bitte nicht so. Wenn wir die Wahl hätte, würden wir wohl nur in die Schüssel greifen, in der sich die Höhepunkte stapeln und die andere, in der die graue Langeweile wartet, schnöde stehen lassen. 
Lebensverlängernde Maßnahmen werden also nicht bevorzugt.

Allein, wir haben nicht die Wahl, und die Mischung wird allzu oft von so etwas wie dem Schicksal bestimmt. 
Zuweilen auch von uns selbst.
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