Es ist überall, man kann es nicht ausmerzen, es ist zuweilen gut organisiert und nicht immer als solches zu erkennen. Es ist abhängig auch vom Zeitgeist - Verbrechen gegen die Menschlichkeit waren in Deutschland Ende der Dreißiger/Anfang der Vierziger Jahre des vorigen Jahrhunderts keine solchen - und können mit Gefängnis enden oder auch mit Wohlstand. Sie schaden irgendjemandem und nützen einigen.
Aber können sie auch sozial sein? 

Haben Verbrecher auch eine soziale Funktion? 

Die Opfer werden das in aller Regel nicht so sehen. Sie wollen ihr Geld zurück, ihre Ehre oder wenigstens Genugtuung, wenn das überhaupt noch möglich ist. Aber nicht immer ist Kompensation möglich, man kann Tote nicht wieder zum Leben erwecken und auch sexueller Mißbrauch ist nicht wieder gut zu machen. 
Allerdings können Verbrechen auch aussöhnen.

Nämlich die Armen mit ihrem Vermögensstand.

Denn wer reich ist, muß stets befürchten, daß er seines Reichtums verlustig gehen könnte, daß ihm böse Buben oder auch Mädchen das sauer erarbeitete, ererbte oder seinerseits ergaunerte Vermögen schmälern oder gar ganz abluchsen. Zwar kann man sich dagegen wappnen, indem man sich teure Schließanlagen und noch teurere Alarmanlagen anschafft und kräftige Männer mit großen Waffen heuert, die einem seinen Besitzstand beschützen mögen. Aber bereits dieser Unsicherheitsfaktor, mit dem man durchs Leben geht, ist eine Einbuße an Lebensqualität. Denn ständig Angst zu haben und auf der Lauer zu sein macht weder Spaß, noch kann man das Leben auf diese Art und Weise unbeschwert genießen. Auch muß man ab einem gewissen Maß an Reichtum fürchten, daß man selbst oder eine einem nahestehende Person entführt werden könnte, um Lösegeld zu erpressen. Hierzu wird allen Millionären geraten, sein Leben lang nicht in Routine zu erstarren, sondern etwa immer zu verschiedenen Zeiten das Haus zu verlassen oder auch gefährliche Gegenden tunlichst zu meiden.
So diktiert der Reichtum, der doch eigentlich ein Höchstmaß an Freiheit mit sich bringen soll, eine stetige Unfreiheit, weil man ständig auf der Hut sein muß, an Verbrecher zu geraten, die einem erst an den Kragen, dann an die Börse wollen.

Mißtrauen ist angesagt. Und das macht mürbe und hart.

So dienen Verbrecher - wenn man es so betrachtet - auch dem sozialen Zweck, die Armen mit ihrer Rolle auszusöhnen. Zwar hätten sie gerne mehr, aber es hat eben auch Vorteile, nicht mehr zu haben und so für skrupellose Gauner uninteressant zu sein. Man ist unbehelligt von haltlosen Zeitgenossen, die nur auf das Geld aus sind, was im übrigen auch bei jeder neuen Bekanntschaft eines Begüterten in dessen Hinterkopf herumschwirrt: Mag der mich wirklich oder nur mein Geld?
Das kann einem Armen nicht passieren.

Wenn er gemocht wird, dann sicher nicht aus materiellen Gründen.

Er lebt also reichlich unbekümmert, der Arme. Keine Verbrecher hinter ihm her, keine Anlagebetrüger, keine Erbschleicher. Er ist auch vor der Gefahr gefeit, immer gieriger zu werden und nur noch an Geld zu denken, ein übler Geizhals zu sein und die ganze Welt verdächtigen zu müssen. Ihn würde das Geld, das er nicht hat, nicht verändern, er wäre immer noch derselbe wie früher.
Er kann sein Leben in Ruhe leben.

Dennoch: Lieber wäre er reich, würde er im Geld schwimmen. Und wenn er es jemandem wegnehmen müßte.
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