Was vor allem bei den Jubiläen zu den Jugendbewegungen der vergangenen Jahrzehnte auffällt: Inzwischen ist es ruhig geworden um den Protest der jungen Generation. Klar, die sind erwachsen geworden. Nein, halt: Wachsen da nicht ständig junge Spunde nach? Aber deren Protesthaltung hält sich in Grenzen. Hat man früher - wann war das noch genau? - die Ostermärsche als Pflichtveranstaltungen angesehen, so sind jetzt bei Demonstrationen die meist Gestrigen unter sich. Gab es früher - immer noch zur selben Zeit wie eben - eine weitreichende Protestkultur, gab es Atomkraft zu bekämpfen und den Krieg, egal welchen, so sind die weißen Tauben nunmehr längst müde geworden.
Woran liegt das?

Ist die Jugend nur noch mit dem Konsum beschäftigt?

Die Jugend sei gar nicht so schlecht, wie sie auch von dieser älteren Generation wieder gemacht würde - immerhin: das Klagen über die Jugend hat Bestand und Tradition. So oder auch anders hört man es von offiziellen Stellen, die aber auch meist wenig jugendlich besetzt sind. Dennoch: Wo sind all die Sticker und Plakate hin, die gegen irgendetwas oder für das Gegenteil davon waren? Stattdessen wird auf Plakaten nur brav geworben. Und finden sich Schriften auf der Haut oder Kleidungsstücken junger Mitmenschen, dann handelt es sich entweder um sinnfreie Sprüche, Markennamen oder sexuelle Anzüglichkeiten (die, wenn auf englisch, auch nicht von jedem Träger eines derartigen Kleidungsstückes vollständig verstanden werden, wie etwa von dem jungen Mann, der kürzlich bei Gericht mit einem T-Shirt mit der Aufschrift "Suck My Dick" erschien).
Haben die jungen Menschen nichts mehr gegen irgendwas?

Wurden Sie alle in die Dekadenz getrieben?

Von wem? Von der älteren Generation, kaum, daß diese nicht mehr zu den Ostermärschen geht? Vielleicht wissen die Alten, was alles Schlimmes passieren könnte, wenn man die Jugend nur alles fordern läßt. Und kaum ist es nicht passiert (seien wir ehrlich: So ganz haben sich die Vorstellungen etwa der Alt-68-er nicht verwirklicht), dann sollte man den Zustand tunlichst konservieren. Nur wie? Die Jüngeren könnte an der vermeintlich stabilen Weltenordnung sägen. Besser, man beschäftigt sie irgendwie. Aber wie? Am besten, man gibt ihnen das Internet und den MP3-Player, das Handy und Viedeospiele, teure Marken und Castingshows. Und Idole, aber welche das sind, wird von den grauen Eminenzen bestimmt. Mal schauen, was passiert. Und wirklich: Krieg und Atomkraft gibt es noch, aber nur wenige sind dagegen, jedenfalls nicht so dagegen, daß sie dafür auf die Straße gehen würden.
Nein, das stimmt alles natürlich überhaupt nicht.

Der Siegeszug der Elektronik und des Konsums treffen nur zufällig mit dem politischen Desinteresse der Jungen zusammen.

Und wenn es nur die Ruhe vor dem Sturm ist? Angesichts der Bankenkrise könnte es bald mit dem ungehemmtem Konsum vorbei sein. Ob man dann seinen jugendlichen Zorn wiederfindet, den man jetzt auf virtuelle Bösewichter im Computerspiel austoben kann? Wenn die Erwachsenen sich die ständige Erneuerung elektronischen Schrotts nicht mehr leisten können, könnten die Zornkapazitäten wieder frei werden. Komisch, daß die Älteren dem Konsum so den Weg bahnen, wo man doch früher - jetzt sind wir wieder bei dieser Vokabel - so gegen den Konsumterror war. Aber jetzt sitzt man auf Echtleder-Sesseln und treibt die eigenen Kinder in die Luxustempel, um sie dort ruhig zu stellen.
Wenn die das erst merken.

Dann ist es vermutlich schon zu spät. Fragt sich nur, für wen.
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