Mit Erwartungen ist es so eine Sache: Einerseits sollte man überhaupt welche haben, denn wer nicht zumindest noch etwas vom Leben erwartet, der wartet im Grunde nur noch auf den Tod. Und diese Erwartungen sollten zum einen hochfliegend genug sein, um einen zu beflügeln, andererseits aber nicht derart schwindelerregend hoch, daß das Ausbleiben eines herbeigesehnten Umstandes am Ende dann doch nicht zu sehr frustriert. Die Gegenansicht, vertreten von indischen Weisen und chinesischen Philosophen erhebt das Fehlen jeder Erwartung zum wahren Ziel geistiger Erleuchtung.
Eine Erwartungshaltung die erwartungsgemäß von allem, was menschlich ist, bitter enttäuscht wird.

Wir alle haben Erwartungen an uns und unsere Umwelt und wenn es nur die ist, uns respektvoll und unserer Würde entsprechend zu behandeln.

Die eigentliche Frage aber ist - ungeachtet des Grades und der Zielrichtung unserer Erwartungen, die tief aus den Bedürfnissen unserer Seele kommen: Was kann man tun, um eine Erwartung zu rechtfertigen? Darf man völlig passiv auf etwas hoffen, zu dem man überhaupt keinen Anstoß gibt? Kommt der Held auf dem weißen Pferd oder meinetwegen die wunderhübsche Prinzessin auf uns zu, während wir im Wohnzimmer im Sessel vor uns hinlümmeln?
Sollte man nicht dem Schicksal eine Chance geben, an die eigene Türe zu pochen?

Kann man auf einen Lottogewinn hoffen, wenn man sich kein Los kauft?

Diese Taktik haben aber nicht gerade wenige Menschen. Sie schmieden nicht an ihrem Glück, haben aber die Erwartung, daß ihnen die gebratenen Tauben direkt in den Mund fliegen. Sie würden keinen Finger krümmen, wenn es darum ginge, ihre Träume zu verwirklichen, aber beklagen sich ständig, daß aus ihren Hoffnungen nichts wird. Wobei: Sind Erwartungen stärker auf Tatsachen gebaut als Träume?
Niemand weiß, ob sich Erwartungen erfüllen.

Insbesondere, wenn sich die Erwartungen an Menschen richten. Und man in dieser Richtung nicht Recht behält.

Im Grunde kann man nicht einmal erwarten, daß einem die Tür aufgehalten wird von dem Stoffel vor einem, selbst, wenn man voll bepackt unter einem Stapel Paketen ächzt. Wie will man da erwarten, daß es mit der Stelle klappt, auf die man sich - wie hundert andere auch - beworben hat? Wie will man da erwarten, daß man noch eine bessere Anstellung findet, wenn man sich schon im augenblicklichen Job mehr schlecht als recht behauptet?
Kann man von seinem Partner erwarten, daß dieser einem treu ist?

Darf man wenigsten erwarten, daß er es einem beichtet, wenn das nicht der Fall sein sollte?

Diese Erwartungen sind letztlich auch nicht realistischer als viele utopische Träume von Teenagern, nur vielleicht weniger hochtrabend (Man sollte bedenken: Seitensprünge sind nicht eben selten). Dennoch bauen wir in einer Vielzahl von Fällen auf die Loyalität, die Hilfsbereitschaft und die Unterstützung unserer Mitmenschen. Wir erwarten von unseren Eltern, daß sie uns notfalls bei sich wohnen lassen, wenn es mit der Beziehung nicht so gut klappt, wir erwarten, daß uns unsere Freunde in Zeiten finanzieller Engpässe nicht hängen lassen, wir erwarten von unseren Kollegen, daß sie uns so akzeptieren, wie wir sind. Aber immer wieder werden unsere Erwartungen enttäuscht, die Eltern haben gerade noch auf uns gewartet und sind nicht sonderlich beglückt, uns als Erwachsene wieder an der Backe zu haben und lassen uns dies auch spüren, bei Geld hört ohnehin die Freundschaft auf und von den lieben Kollegen werden wir regelrecht geschnitten, wenn nicht sogar gemobbt, jedenfalls wird hinter unserem Rücken wild über uns getratscht.
Und dennoch: Immer wieder sind die Erwartungen die gleichen, wir lernen keinen Deut aus unseren Niederlagen, fallen immer wieder auf dieselben Windhunde herein, leihen immer wieder den unzuverlässigen Pleitegeiern Geld und gehen immer mal wieder in bayrische Gasthäuser in der Erwartung, zumindest einmal auf eine freundliche Bedienung zu treffen.
Nein, das Leben belohnt die Gutgläubigen nicht.

Aber es bestraft wenigstens die Pessimisten mit dem Unmut, weil deren Erwartungen immer nur negativ sind.
Und wer nur immer das Schlimmste erwartet, der hat oftmals Pech und bekommt es. Denn Griesgrame ziehen das Glück nicht wirklich an.

Und dennoch: Ab und zu ergattern wir den Traumjob, verliebt sich die Traumfrau oder der Traummann in uns, bekommen wir das Traumhaus oder wenigstens die Traumwohnung. Allerdings nur, wenn wir in unserer Bewerbung alle Register gezogen haben, bei der Traumfrau oder dem Traummann sowieso - da haben wir einmal im Leben unsere Schokoladenseite voll zur Geltung gebracht - und auch bei dem Traumhaus oder wenigstens der Traumwohnung haben wir dem Schicksal einen kleinen Schubs gegeben.
Das ginge nicht von zu Hause von der Couch aus.

Das kann auch keiner erwarten. 
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