Wir müssen alle ständig urteilen, ansonsten wären wir nicht fähig, in der Gesellschaft zu bestehen. Das glauben Sie nicht? Situationen müssen eingeschätzt werden, Gefahren müssen erkannt, Probleme analysiert werden. Zwar nennt man das im allgemeinen "Erfahrungen", aber auch diese müssen immerhin erst einmal gemacht werden. So müssen wir mit dem Straßenverkehr zurechtkommen, wenn uns unser Leben lieb ist (und das ist es, nehme ich an). Wenn wir nun einige Male eine Situation ähnlicher Struktur in ähnlicher Art und Weise erlebt haben, rechnen wir gewissermaßen hoch, daß dieser Art Situation auch in Zukunft auf diese Weise zu begegnen wäre. 
Aber das kann auch zu Vorurteilen führen, denn unsere Erfahrungen unterliegen grundsätzlich dem Zufallsprinzip.

Insbesondere im Umgang mit Menschen sind Erfahrungen wichtig, aber auch irreführend.

Wenn wir zehnmal Mitmenschen mit russischen Wurzeln begegnen, die allesamt dem Alkohol zugeneigt waren, verfestigt sich die Ansicht, daß Menschen mit russischem Migrationshintergrund allesamt einen gewissen Hang zum Alkohol haben. Ein Schluß, der möglicherweise in einer gewissen Anzahl von Fällen zutrifft, aber im Ergebnis gleichzeitig fatal ist und einer vorurteilsfreien Sicht auf jene Russlanddeutschen, die keinen Deut mehr trinken als der Durchschnittsdeutsche, im Wege stehen.
Warum können wir nicht dem elften Russen dann ohne Argwohn begegnen?

Möglicherweise ist der elfte Russlanddeutsche genau der Mensch, auf den wir so lange gewartet haben, den wir aber nun abblocken, weil wir die Erfahrungen mit seinen Vorgängern mit uns herumschleppen.

Dies ist vermutlich ein Schutzmechanismus der Natur, weil der Alltag gespickt ist mit Gefahren. Und die Möglichkeit, über den Tisch gezogen, wenn nicht gar verletzt oder getötet zu werden, sind mannigfaltig. Hier können wir nur aus unseren eigenen Erfahrungen lernen (wenn wir nicht auch dem glauben, was unsere Eltern und Lehrer uns einst lehrten, aber damals nicht so ganz annehmen konnten). Und diese Lernprozesse vollziehen sich eben über die Bündelung von Erfahrungen. Wenn man sich der Gefahr x mehrmals durch die Handlung y entziehen konnte, sollte man die Möglichkeit y gut im Gedächtnis behalten, denn die Gefahr x lauert möglicherweise schon wieder hinter der nächsten Ecke.

Diese Vorgehensweise erleichtert das Leben doch erheblich, wenn man nicht jederzeit wieder bei Null anfangen muß.

Leider wenden wir diese Art der gesammelten Erfahrungen eben nicht nur auf Gefahren an. Sondern auch auf Menschen, die uns merkwürdig vorkommen. Denn alles, was wir bereits kennen, können wir beherrschen, denn dafür haben wir uns ja einige Taktiken zurechtgelegt. Wenn wir nun auf etwas Neues treffen und keine Kinder mehr sind (die mangels Gefahrenbewußtseins noch sehr offen auf alles zugehen können), sind wir zunächst einmal vorsichtig. Wenn wir uns dann eine Strategie erarbeitet haben, auf das Unbekannte angemessen - oder was wir dafür halten - zu reagieren, neigen wir dazu, diese Reaktion beizubehalten.
Und das oft leider ohne Rücksicht auf Verluste.

Denn warum auf veränderte Fakten Rücksicht nehmen, wo unsere Strategie uns doch bislang so gut durch den Tag gerettet hat?

Die Grenze zwischen Vorurteil und Urteil ist daher höchst fließend. Denn kaum jemand wird alle verfügbaren Fakten sammeln, bevor er sich eine Erfahrung zusammenstellt, wenn er nicht gerade eine Doktorarbeit zu einem Thema schreibt. Aber nichtsexuelle Doktorspiele sind im Alltag, wo täglich eine Vielzahl Entscheidungen von uns erwartet wird, wo man ständig auf die Schnelle agieren und reagieren muß, kaum zu realisieren. Also sind wir darauf angewiesen, aus Bruchstücken einer Faktenlage auf die ganze Wahrheit zu schließen oder sich zumindest eine vorläufige Meinung zu etwas zu bilden, Flagge zu zeigen und Farbe zu bekennen.
Die Schwierigkeit ist, aus dieser vorläufigen Beurteilung wieder herauszufinden, wenn sie sich zumindest als zu hinterfragen heraustellen.

Wenn wir überhaupt merken, daß sich der eigene Standpunkt als brüchig herausstellt. 

Wir müssen bewerten, wir müssen entscheiden. Die Schwierigkeit ist, aus diesem Entscheidungsfindungsprozeß herauszufinden und zu wissen, wann wir eine Entscheidung auch einmal offen lassen können.
Oder gar neue Fakten in unser Gedankengebäude einbauen sollten. 

Ich weiß: Das alles trifft auf Sie gerade nicht zu. Wobei: Vielleicht könnten Sie dieses abschließende Urteil aber noch einmal überdenken.
Aber, wie Sie schon erfahren haben: Man sollte allem mißtrauen, was man so liest. 
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