Eines der wenigen lateinischen Wörter, die es in den allgemeinen Sprachgebrauch - auch sogenannter bildungsferner Schichten - geschafft haben, ist das Wort "Medien". Eigentlich deutet sich damit die Haltung als Mittler zwischen Mensch und Information an, die Medien sind Mittel zum Zwecke der Verbreitung.
Allerdings haben sie sich in eine andere Richtung entwickelt. 

Schnell sind sie zum Selbstzweck geworden.

Man sieht nicht mehr fern, um zum eigentlichen Produkt zu gelangen, sondern das Fernsehen ist Mittelpunkt des alltäglichen Geschehens, des Freizeitverhaltens und des Lebensinhaltes so mancher Menschen selbst geworden. Anstatt selbst ein Leben zu leben, schaut man anderen, noch dazu meist fiktiven Gestalten beim meist fiktiven Leben zu und nimmt den Lebensstil als Standard der eigenen Wertvorstellungen in sein Erleben von Welt auf. Statt selbst im Leben zu stehen, läßt man für sich andere stehen, von denen man eigentlich weiß, daß sie nicht wirklich in diesem Leben stehen. Aber es kommt einem so vor, als sei daß, was man da sieht, realer als all das, was man selbst erleben könnte, wenn man es nur zuließe.
Und da diese Wirklichkeit keine solche ist und somit nirgends zu finden ist, kann man sie auch nicht finden und meidet dann schon die Suche danach.

Die Fiktion diktiert somit der Wirklichkeit ihre Inhalte auf.

Statt die Inhalte aufzunehmen und in ein eigenes Wertesystem einzubauen, stellen die von den Medien vermittelten Werte bald alles dar, was man als Realität wahrnnimmt.
Bis man kein eigenes Leben mehr hat, weil einem dieses doch sehr blaß vorkommt angesichts der Geschehnisse auf der immer flacher werdenden Bildröhre.

Das gilt allerdings nicht nur für das Medium Fernsehen.

Auch im Internet kursieren angebliche Tatsachen, die durch weitgehende Verbreitung immer mehr für bare Münze genommen werden. Mit dem Ausdruck "Hoax" hat diese Art der immer weitreichender akzeptierten Lüge sogar einen eigenen Begriff. Mit Programmen wie Photoshop lassen sich bekanntermaßen alle Fotos wunschgerecht verbiegen. Insbesondere ist bekannt, wie stark retouchiert etwa Abbildungen von Prominenten sind. Dennoch tragen solche Aufnahmen stark zum allgemeinen Schönheitsideal bei. Obwohl also jeder weiß, daß die Haut des Filmsternchens nicht derart ebenmäßig ist und ihre Augen nicht derart blau und auch ihre Oberweite nicht derart oberweit, wirken solche Aufnahmen auf den Geschmack der Massen ein.
Wer nicht so aussieht - und so sieht keiner aus - hat in der analogen Wirklichkeit das Nachsehen.

Und weil man in seinem Umkreis diese Art der nachbearbeiteten Optik nicht findet, muß man sich weiter in der virtuellen Welt nach diesem Ideal umsehen.
Und bevor man sich versieht, ist einem die reale Welt auch nicht mehr schön genug.

Es ist, als wenn Kinder aus der Stadt nur künstliche Aromen kennen und zum ersten Mal eine echte Erdbeere essen: Sie wird ihnen fade vorkommen, ganz ohne Geschmacksverstärker und artifizielle Aromen.
So ist man selbst zum Medium geworden, dem die eigentlichen Medien ihren Stempel aufdrücken.

Und die Wirklichkeit kommt einem am Ende noch reichlich unnatürlich vor.
 
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