Fast jeder hat eins oder ist zumindest eins: Ein Feindbild, ein Subjekt, auf den sich negative Empfindung entlädt. Frei von solchen subjektiven Vorbehalten sind nur wenige. Allerdings mag ein Feindbild auch soziale Berechtigung haben. So kann ein gemeinsames Feindbild Menschen verbinden und zusammenführen. Diktatoren machen sich das zuweilen zunutze, indem sie den kollektiven Hass auf ein gemeinsames Feindbild lenken und so innenpolitischen Zusammenhalt erzeugen.
Aber allen Feindbildern ist eines gemein: Sie werden so gewählt, daß derjenige, der zum Feindbild auserkoren wird, denjenigen, der das Feindbild hat, auch bemerkt.
Niemand sucht sich ein Feindbild außerhalb des eigenen Aktionsradius.

Denn noch mehr als das Feindbild braucht man dessen Aufmerksamkeit.

So ist es kein Zufall, daß sich etwa Sportler andere Sportler, die dieselbe Disziplin betreiben, als Feindbild, möglicherweise noch Journalisten, die ihre ungeteilte Aufmerksamkeit besitzen. Nicht aber suchen sie sich Atomphysiker oder Umweltpolitiker oder auch Briefmarkensammler als Gegner. Schriftsteller suchen sich andere Schriftsteller zum Feind und sagen nicht etwa dem bildungsfernen Buchhasser den Kampf an. Politiker kämpfen vor allem gegen andere Politiker, nicht gegen Umstände, die sie eigentlich zur Kandidatur für ein Amt bewogen haben. Es ist gerade wichtig, daß zwischen den Kontrahenten insoweit zum einen Berührungspunkte, zum anderen Reibung entsteht.
Nichts ist unbefriedigender als ein Feind, der einen selbst nicht wahrnimmt.

An diesem hat man schnell das Interesse verloren.

So ist es eine gute Taktik, wenn man einem solchen Manöver ausgesetzt ist, sich gleichgültig zu verhalten: Schnell wird das Interesse des Widersachers an einem als Feindbild erlöschen. Wobei das Desinteresse nicht geheuchelt sein darf, das wird allzu schnell durchschaut. 
Außer, man will gerade einen Gegner.

Denn ohne Gegner fühlen sich die meisten Menschen unbeachtet und unbedeutend.

Erst als Feindbild von einem Mitmenschen aus derselben Sparte würdig erachtet zu werden, als Feind herzuhalten, hebt in den Stand der Bedeutsamkeit. Keine Beachtung, ja nicht einmal Verachtung zu bekommen, verrät einen sozialen Status, der nichts geschafft hat und von dem niemand etwas erwartet. So findet sich meist ein Zeitgenosse, mit dem man diese seltsame Symbiose eingeht, sich gegenseitig Feindbild zu sein.
Merkwürdig, sich nicht gemeinsame Gegner zu suchen, die sich für die eigene Tätigkeit etwa nicht interessieren mit der Intention, sie für das eigene Sujet zu begeistern. Sollte der Sportler nicht den Nichtsportler, der Schriftsteller nicht den Nicht-Leser, der Politiker nicht den Unpolitischen als Widersacher erwählen, um den Sport, die Literatur oder die Politik voranzubringen?
Aber es geht nicht um die Sache.

Es geht allein um die Person. 
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