Was jeder werden will, aber keiner sein, ist: Alt. Nun ist das keine Errungenschaft, eine Menge Zeit hinter sich gebracht zu haben; genauso wenig, wie es keine Leistung ist, jung zu sein. Zunächst einmal ist das nur eine Frage angehäufter Jahre, allenfalls vernünftiger Lebensführung, viel Glück und auch moderner Medizin. Allerdings ist das auch ein Ist-Zustand, der so einiges mit sich bringt: Körperlichen Verschleiß, verminderte Reaktionsfähigkeit und geistige Unbeweglichkeit, weniger Sex und mehr Falten im Gesicht und Haare in der Nase. Also folgert unsere Zeit, daß allein selig machend nur die Jugendzeit sei, das Alter sei ein Fluch.
Aber man kann das auch anders sehen.

So läßt man auch so mancherlei Unarten allmählich hinter sich.

All die Zeit, die man auf der Suche war, auf der Suche nach dem Sinn, nach sich selbst, nach einem Platz im Leben und nach einem Partner für dasselbe oder auch schlicht nach Arbeit, das alles fällt weg, wenn man heimisch geworden ist in seinem Dasein, selbständig und selbstbestimmt, mit einem lieben Menschen an seiner Seite. 
Man braucht weniger und kann mehr daraus machen.

Man hat mehr und muß weniger beweisen. 

Man muß nicht mehr auf jede Feier und in jede Disco. 
Man darf auch mal keine Lust haben auszugehen, obwohl es Freitag Abend ist. 
Man darf auch einmal zu Hause bleiben, obwohl sich in irgend einer Kneipe ein paar flüchtige Bekannte treffen, die sich in den Alkohol flüchten.
Man ist nicht mehr besorgt, was aus einem wohl mal werden könnte, ob man einen Ausbildungsplatz finden sollte oder eine Arbeitsstelle.
Man fürchtet sich nicht mehr davor, bei der Frau oder dem Mann seines Lebens alles falsch zu machen, man hat schon ein wenig Erfahrung mit dem anderen Geschlecht angehäuft und sieht das Ganze ein wenig gelassener.
Auch hat man weniger Angst vor der Zukunft, weil man schon so einiges gemeistert hat und weiß, daß man auch Probleme lösen und Krisen durchstehen kann, daß man Krankheiten und finanzielle Miseren überstehen kann.
Man ist nicht mehr auf die Eltern angewiesen, hat sich seine eigene Meinung und Haltung erarbeitet und ist nicht mehr allzu leicht beeinflussbar durch einen Gruppendruck.

Schön wär's.

Aber leider stecken diesbezüglich viele Ältere noch in den Kinderschuhen. Man lernt eben nie aus, kann immer wieder etwas Neues anfangen und hat keine Angst mehr, eines Tages so zu werden wie seine Eltern. Man erlebt jeden Tag etwas Neues, jede Begegnung mit einem Menschen kann einem neue Impulse geben, sogar so manches in eine andere Richtung lenken. Man kann immer mit etwas beginnen, was man schon immer tun wollte, aber es noch nicht getan hat, weil einem die Zeit, das Geld oder schlicht die Erkenntnis fehlte, daß man es schon immer gewollt hat.
Jedenfalls kennt man sich besser, hat seine Unarten besser im Griff und kann seine Vorzüge besser zur Geltung bringen. Man hat seinen Platz in der Gesellschaft erobert und sich Wissen, Erfahrung und auch Gelassenheit erobert.

So mancher, der dies liest, wird sich vielleicht jünger fühlen, als ihm lieb ist. 

Aber er wird es gelassen sehen, wenn er sich nicht wiedererkennt. Auch ein Tugend des Alters und eine Untugend des Jugend: Daß es einen nicht mehr stört, wenn jemand anderer Ansicht als man selbst ist.
Was soll's, das Leben ist zu kurz, um sich um das Alter Gedanken zu machen.

Das denken nur die wenigsten. 

Stattdessen ist das Leben leider oft zu lang, um sich keine Gedanken zu machen, und sei es über das Alter.
Alter, du nervst.

Junger: Und du erst. 
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