Was man allzu oft hört von weniger einfühlsamen Zeitgenossen, die vor zeitgenössischen Gemälden anscheinend ratlos stehen und nichts darin zu sehen vermögen, ist: "Da erkennt man ja nichts."
Als wenn es darauf ankäme.

Darin, die Wirklichkeit abzubilden, ist die Fotographie über hundert Jahre nach ihrer Erfindung nun wirklich besser. Die Malerei soll dagegen etwas abbilden, was für das Auge an und für sich unsichtbar ist: Emotionen, Gefühlslagen und innere Befindlichkeiten.
Das Wesentliche ist für das Auge unsichtbar (so schon Saint-Excupery).

Das Auge kann nur Dinge sehen. Das Wesen der Dinge bleibt ihm verborgen.

Wobei es in einer anderen Sparte der Kunst niemandem etwas ausmacht, wenn man nichts plastisch abgebildet bekommt. Die Musik, die abstrakteste aller Künste, wird von allen gemocht (nun, von fast allen). Aber selten hört man den Einwand: Da erkennt man ja gar nicht, was der Künstler ausdrücken wollte. Man läßt sich ohne weiteres vom Gefühl leiten und kann auch ein Gefühl in sich entwickeln.
Warum will das bei der bildenden Kunst nicht gelingen?

Hat nicht jeder ein Gefühl für Farbe und Form?

Ohne ein solches wären wir alle nicht alltagstauglich, gilt es doch in der Realität ständig Dinge anhand ihrer Farbe und Form zu identifizieren und einzuordnen. Warum kann einem das bei Farbe an sich nicht gelingen oder bei Formen, die einen doch, wenn man sich darauf einläßt, durchaus an etwas erinnern?

In der Musik vermag fast jeder zu sagen, ob es sich um ein trauriges oder eher fröhliches, ein eher friedfertiges oder gewaltiges Werk handelt. Warum kann man die Kraft, die aus abstrakten Formen und Farben zu uns sprechen will, nicht zwanglos erkennen?
Warum hat man für die abstrakte Musik ein Gefühl, aber für die abstrakte Kunst nicht?

Ist das logisch?

Wenn man nun neben einem solchen Zeitgenossen steht in einer Ausstellung und man hört zum x-ten Mal den allseits beliebten Satz: "Das ist doch ein Geschmier, das kann ja mein 10-jähriger Neffe besser", dann mag man ihm antworten: "Na, wenn Sie tatsächlich einen 10-jährigen Neffen haben, der so etwas malen kann, was Ihnen Millionen einbringen kann, warum stehen Sie dann noch jeden Morgen auf, um für einen Hungerlohn zu arbeiten?"
Man kann diese Ignoranten nicht an ihrem Gefühl für die brotlose Kunst packen.

An ihrem Gefühl für schnödes Geld aber meist schon.

 
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