Es gibt Mitmenschen, die beginnen Sätze, von denen Sie selbst ahnen, daß sie sich damit als nur eingeschränkt tolerant zeigen, gewöhnlich mit der Einleitung: "Ich bin ja wirklich tolerant, aber..." Dann folgt nicht selten eine Feststellung, daß sie etwas bestimmtes nicht dulden.
Ist das schon Intoleranz?

Ist Toleranz die Duldung aller Verhaltensweisen der Mitmenschen?

So weit kann der Gedanke der Toleranz wohl nicht gehen. Wenn jemand pädophile Neigungen hat, dann würde man wohl dennoch nicht zulassen können, wie dieser Unhold sich kleine Kinder unbeaufsichtigt in seine Wohnung holt. Wenn jemand äußert, alle dunkelhäutigen Menschen seien zweitklassige Subjekte, dann sollte man dem durchaus verbal begegnen, das sollte man so nicht stehen lassen.
Alles zuzulassen, ist nicht tolerant, sondern ignorant und indifferent.

Ein englisches Sprichwort besagt, daß das Schwingen des Einen vor der Nase des Anderen enden soll. Es kommt also darauf an, daß man bei der Entfaltung seiner Freiheit nicht in Rechte Anderer eingreifen darf. So steht es mir grundsätzlich frei, alles mit meinen eigenen Händen zu tun, was ich tun kann und will. Ich darf damit aber nicht andere erwürgen oder auch nur verletzen. Auch von beleidigenden Gesten muß ich Abstand nehmen, diese von anderen hinzunehmen hat mit Toleranz nichts mehr zu tun.
Denn wenn ich der Andere wäre, ich würde auch auf mein Recht pochen.

Diese Rechte gilt es, gegeneinander abzuwägen.

Das klingt einfach, ist aber in der Praxis schwer. Ist es schon Intoleranz, wenn ich mir den unzumutbaren Lärm meines Nachbarn verbete? Was ist hierbei genau Lärm? Ist ein Fest mit einer Rockband unabhängig von der Uhrzeit und der Lautstärke hinzunehmen? Oder muß der Nachbar jederzeit mein Recht auf gesunden Schlaf seinem Recht auf Zelebrierung seines Geburtstages - und das nicht einmal auch nur einmal im Jahr - unterordnen?
Muß ich hinnehmen, daß mein Arbeitskollege mich jeden Tag mit seinen strengen Ansichten zur Empfängnisverhütung nervt? Muß er nicht auch hinnehmen, wenn ich gerne mal mit verschiedenen Bekannten Geschlechtsverkehr habe und dafür Unmengen Kondome verbrauche - und ihm diese polygame Lebensweise auch noch jederzeit und in allen Einzelheiten um ihn zu ärgern schildere?
Wichtig ist in dem Zusammenhang das Recht, einer Meinung sein zu dürfen, ebenso wichtig aber ist es, diese Meinung nicht teilen zu müssen.

Das Recht auf eine Meinung gilt es auch zu verteidigen, nicht aber das Recht auf Verbreitung derselben.

Das Stichwort könnte sein: Gegenseitige Rücksichtnahme. Wenn jeder die Belange anderer mehr achten würde und nicht allein auf seinen eigene Bedürfnisse sehen würde, wäre vermutlich schon viel gewonnen.
Aber so ist die Welt nicht. So funktionieren vielleicht Märchen, aber in der rauhen Wirklichkeit ist die eigene Nase einem näher als seine schwingenden Arme.
Arme Menschen, ist das zu fassen?

Egoismus ist vielfach das oberste Prinzip.
Leider.

Ist es intolerant, das anzuprangern? Oder nur scheinheilig? Aber da sollte sich vermutlich jeder an seine eigene Nase fassen.

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