Jeder versteht unter Glück etwas anderes. So mancher sieht Glück als etwas Positives, das quasi eine Zugabe zum normalen Leben darstellt. Glück ist demnach nur, wenn man etwas außerhalb der Reihe bekommt, wenn man etwas gewinnt oder geschenkt bekommt, was sich insbesondere in Euro und Cent ausdrücken läßt. Danach ist Glück nur ein kurzer Moment im Leben, der im grauen Alltag als kleiner Lichtblick leuchtet.
Diese Glücksritter stehen an den Lotto-Annahme-Stellen Schlange.

Natürlich gehören immer nur andere zu dieser Gruppe als man selbst.

Andere verstehen unter Glück einen Zustand, der immer in der Vergangenheit liegt. Danach kann man nur in der Rückschau erkennen, daß man glücklich war, nicht aber dann, wenn man diese Phase des Glücks gerade durchlebt. Erst, wenn diese Phase abgeschlossen ist, hat man sie als glücklich in Erinnerung, weil jetzt, im Unterschied zur Zeit danach positiver wirkt, als man sie damals erlebt hat.
Ja, damals, das waren glückliche Zeiten, nicht so wie jetzt.

Auch zu dieser Gruppe gehört man selbst nie.

Wahres Glück könnte aber darin bestehen, im Hier und Jetzt ohne Wenn und Aber zufrieden zu sein und das bloße Dasein als solches zu genießen. Sich bewußt zu sein, daß es Viele gibt, denen es schlechter geht. Die Liebeskummer haben oder chronische Krankheiten oder finanzielle Probleme oder solche mit dem Arbeitsplatz. Die behindert sind oder ausgestoßen oder abgefeimt.
Zu dieser Gruppe will jeder gehören.

Tatsächlich dürfte das die kleinste Gruppe sein. Davon kenne ich nur sehr wenige.

Denn am lautesten hört man die Leute um sich herum doch immer nur jammern. Jemanden zu treffen, der völlig begeistert davon ist, wie schön das Leben doch gerade ist, so jemanden trifft man leider nur allzu selten.
Und dann muß er sich oft sagen lassen, er spinne doch oder nerve oder übertreibe jedenfalls.
Dabei handelt es sich um nichts als Neid. Denn jemand, der dem gewöhnlichen Alltag immerwährendes Glück entnimmt, der gerne in die Arbeit geht, der mit seinem Partner und seinem Freundeskreis vollkommen zufrieden ist, der sich mit dem bescheidet, was er schon hat, der auch den Herbst gerne hat und den ständigen Regen, der sich auch nicht ärgert, wenn er einen Reifenpanne hat oder Zahnweh oder der Zug Verspätung hat, ein solcher Zeitgenosse hat doch wohl keinen Sinn für die Realität. Der sollte doch seine Augen mal aufmachen, überall Hunger und Ärger und Streß und Krankheit und Verbrechen.
Kann man dies alles registrieren und dennoch glücklich sein?

Oder ist Glück lediglich ein Mangel an (negativer) Information?

Kann man mit dem Vorläufermodell des aktuellen Handys glücklich sein, ja, kann man ohne Handy glücklich sein? Kann man glücklich sein, wenn man noch nie Cabrio gefahren ist, noch nie in Paris war, nicht weiß, wie die Bankenkrise bekämpft wird und die Aktien stehen, wenn man noch nie Trüffel, gar noch weißen, gegegessen hat, wenn man die neue CD von Pink nicht kennt und den neuen Film mit Leonardo nicht gesehen hat?
Ja, und das ist für so einige Leute überraschend: Man kann.

Man kann mit viel weniger glücklich sein, obwohl man vielfach meint, nur mit mehr glücklich sein zu können.

Vielleicht ist das das Geheimnis: Sich mit weniger bescheiden, sich auf sich besinnen. Zu lernen, das Glück nicht in den Dingen zu suchen, sondern in sich, ohne, daß es Dinge sind, die einem Geborgenheit geben. Warum auch bringen sich immer wieder Menschen um, die doch mehr haben als man selbst, wenn man selbst so viel hätte, man hätte wohl umso mehr keinen Grund, sich das Leben zu nehmen. Vielleicht aber findet man auf dem Weg zum "Immer mehr" schnell heraus, daß mit der Masse der Dinge das Glück nicht zunimmt, sondern nur die Zeit und Aufmerksamkeit, die man Dingen widmet.
Warum verwendet man nicht alle Zeit und Sorgfalt darauf, glücklich zu werden?

Oder herauszufinden, daß man es ist?

Ist der Mensch zu sehr auf Leid geeicht? Muß man das Haar in der Suppe finden, den Splitter im Auge des Betrachters? Muß man den Tropfen Öl herausschmecken, der das Wasserfaß zum Überlaufen bringt? Muß man sich darüber ärgern, wenn das Auto einmal nicht anspringt, nachdem der Mistkarren die vier Jahre vorher problemlos seinen Dienst verrichtet hat? Wenn man keine Karten für einen Film mehr bekommt, den man ohnehin nicht hat sehen wollen, nun aber sich um das Filmerlebnis betrogen sieht?
Warum stört uns nicht, daß der Nachbar Hilfe braucht, aber keiner ihm zur Hand geht, aber natürlich wieder mal keiner da ist, wenn man mal selbst hilfsbedürftig wäre?

Immer stimmt etwas nicht, immer fehlt ein kleines Stück, als daß man sagen könnte: Das ist das Glück.

Heute hatte ich das Glück, mich freuen zu dürfen. Für fünf Minuten war ich glücklich. Und das Gefühl war wieder da, als ich es der Frau meines Lebens erzählte. Jetzt bin ich wieder auf Normalnull. Bin nicht krank, habe Arbeit, keine Geldsorgen und eine Frau, mit der ich glückliche Minuten teilen kann.
Muß ich glücklich sein.

Wenn ich doch nur...

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