Es ist so eine Sache mit der Schuld: So mancher fühlt sich schuldig und kann anderen nicht begreiflich machen, worin eigentlich seine Schuld liegen soll. Wieder andere haben nicht den Hauch eines Schuldbewußtseins, obwohl ihnen auch nur der winzige Rest eines Gewissens sagen müßte: Das hast du auf deine Kappe zu nehmen.
Leider sind letztere in der Mehrzahl.

Und wir sind alle mitten unter ihnen.

Wir alle wissen, daß unser Reichtum hier in der westlichen Welt auf der bitteren Armut in einer Vielzahl von Ländern beruht. Wir alle wissen, daß viele Menschen auf dieser Welt hungern, ja: Verhungern. Schmeckt uns dennoch unser täglich Brot? Mit unser täglich Butter und Wurst und Käse und Kuchen und Sahne und Schinken und Kartoffeln und Nudeln?
Selbstverständlich.

Warum sollte ich daran schuld sein?

Sich nicht schuldig zu fühlen ist möglicherweise ein Grundbedürfnis des Lebens und macht uns alle erst überlebensfähig. Wenn man ständig alle negativen Seiten des Daseins im Kopf hätte, man könnte wohl nicht weitermachen mit dem, was man eben so macht (und so weiter).
Wegschauen ist eine Notwendigkeit.

Mit dem Gefühl dauernder Schuld wird man seinen Alltag kaum meistern können.

Das funktioniert leider so gut, leider haben wir das so gut perfektioniert, daß wir nicht nur das Elend auf der anderen Seite der Welt übersehen. Wir sehen auch nicht in unserer unmittelbaren Umgebung, wie schlecht es so manchem Zeitgenossen geht. Wie ist es nur möglich, daß es immer wieder vorkommt, daß Menschen buchstäblich Jahre tot in ihrer Wohnung liegen, ohne daß auch nur die unmittelbaren Nachbarn etwas mitbekommen? Daß immer wieder Kinder zu Tode geprügelt werden, ohne, daß jemand einschreitet? Daß inmitten großer Menschenmengen Leute halb totgeschlagen werden, ohne, daß auch nur einer etwas zu bemerken scheint?
Ist es nur Angst oder Feigheit, nur die Befürchtung, auch verletzt zu werden?
Oder ist es die Furcht vor Komplikationen, wenn man nicht das Richtige macht?

Wobei: Jede Reaktion, die helfen soll, ist besser als keine.

Und auch ist uns allen bewußt: Das Gefühl, jemandem zu helfen, ohne Gegenleistung, einfach aus Menschlichkeit, ist ein gutes Gefühl, das jeder von uns in irgend einer Form schon einmal erlebt hat.
Warum will man dieses Gefühl reiner Freude und Unschuld nicht immer wieder erleben?

Aus Faulheit? Aus Bequemlichkeit? Aus Furcht vor der eigenen Zivilcourage?

Wie könnte die Welt sein, wenn sie nicht wäre, wie sie leider ist. Aber an uns liegt das sicher nicht.
Jedenfalls nicht an mir.

Ich weiß: Das sagen alle.
Außer dir wahrscheinlich.

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