Zweitausenddreißig

 

Wenn ich bei allerschönster Sonne in meinem Garten sitze, die Amseln im Brunnen baden und ansonsten die Zeit stillsteht, dann mag ich an Veränderung nicht so recht glauben. Und dennoch: Die Welt verändert sich, sogar um mein kleines Refugium herum.

Überall wird gebaut.

Sobald eine alte Dame stirbt, wird ihr kleines Haus plattgemacht. Dann werden auf ihrem Grundstück drei Doppelhaushälften errichtet, mit Gärten, die kleiner sind als meine Terrasse. Wenn man das hochrechnet, dann haben die Grundstücke in ein paar Jahren überhaupt keine Gärten mehr, stoßen direkt aneinander oder an die Straße.

Aber gibt es dann noch Straßen? Oder Autos?

Geht nicht bald das Öl zur Neige? Immerhin rüsten die ölexportierenden Länder längst um auf Tourismus, indem sie künstliche Inseln aufschütten, damit weiter Geld ins Land kommt. Inseln, die wohl bald überschwemmt sein werden, glaubt man den Unkenrufen der Klimaschützer. In meinem kleinen Garten sehe ich keine Überschwemmungen und auch keinen Abriß alter Häuser. Ich müßte dafür über den Tellerrand schauen – oder, besser gesagt, über den Gartenzaun. Wobei ich dann nur den Nachbarn in ihr Rollrasen-Idyll schauen würde.

Auch dort von Abriß keine Spur.

Oder von Überschwemmungen.

Oder von Smog aus Feinstaub, wie man es im Fernsehen in der dritten Welt gerne (oder ungern) sieht. Aber weit weg. Oder kommt das näher? Wie die Zukunft, die man auch nicht sieht? Man glaubt ja auch nicht an die eigene Sterblichkeit, sitzt in seinem Garten und glaubt die Welt im Gleichgewicht.

Obwohl sie aus den Fugen gerät.

Überall scheinen Despoten an die Macht zu gelangen, die Unruhe in längst befriedete Regionen bringen. Mal will man keine humanitäre Hilfe leisten, mal glaubt man nicht an den Klimawandel, mal denkt man, man könne mit Waffen weltpolitische Probleme lösen. Wobei letzteres die größte Tradition hat, aber wie alles andere nur von eigenem Egoismus kündet. Wie mein Sitzen im Garten, während anderswo Menschen gefoltert werden oder verhungern. Hatte man nicht gedacht, die Menschen würden dazulernen? Würden den Hunger überwinden können, Nahrung wäre weltweit genug da, sie ist nur aus wirtschaftlichen Interessen falsch verteilt. Dachte man nicht: Jetzt setzen sich die Länder wenigstens zusammen, haben erkannt, daß man gegen die Erderwärmung nur gemeinsam vorgehen kann?

Ich sitze in meinem Garten und denke an meine fünfjährige Enkelin. Zweitausenddreißig wird sie achtzehn Jahre alt werden.

Wird sie noch den Führerschein machen? Wird sie noch in einem Garten sitzen können oder aus dem Fenster auf die Nachbarswand starren müssen? Wird sie im Freien eine Atemschutzmaske tragen und jederzeit befürchten müssen, daß das Haus von einem anschwellenden Bach mitgerissen wird, wie jetzt schon die Häuser der verstorbenen, alten Damen? Wird sie die alten Geschichten des alten Opas skurril finden, wenn er wieder und wieder erzählt, daß man mal eben tausend Kilometer in den Süden fuhr, um eine Woche Urlaub am Meer zu verbringen – und dabei mit fossilen Brennstoffen die Luft verpestet hat?

Wird sie in einem vereinigten Europa leben oder in einem Land, das seine Außengrenzen hermetisch abschottet, damit keine halbverhungerten Menschen aus Afrika mehr kommen können? Oder wird sie mit vielen, andersfarbigen Menschen aufwachsen und sich wundern, wie man diese nicht als völlig normal empfinden könnte?

Wird sie sich über Häuser wundern, auf deren Dächern keine Sonnenkollektoren glänzen oder wird sie Holz sammeln müssen im Winter, damit wenigstens ein Raum kuschelig warm ist?

Werden die Oberhand bekommen, die an ein Deutschland glauben, das es nie gab, obwohl sie davon überzeugt sind, daß es jedenfalls besser und deutscher war als in der Gegenwart? Oder wird die Welt bunter werden, toleranter, offener? Wen wird man mehr vergöttern: Mahatma Ghandi oder Thilo Sarrazin? Wer wird mehr bewirkt haben: Donald Trump oder Angela Merkel? Werden Frauen wieder selbstverständlich am Herd stehen, während die Männer die Erde unter sich aufteilen? In immer kleinere Grundstücke, aus denen die Alten heraussterben und alles, was sie besessen hatten, dem Erdboden gleichgemacht wird, für Neues, damit alles beim Alten bleibt?

Habe ich genug dafür gesorgt, daß es meiner heißgeliebten Enkelin gut geht? Oder habe ich ihr zumindest gezeigt, daß man auch zufrieden sein kann, wenn man im Garten sitzt und den Amseln beim Baden zusieht?

War das ausreichend? Oder sollte ich zumindest etwas schreiben? Könnte das etwas bewirken? Wird sie an ihrem achtzehnten Geburtstag denken: Opa, nicht schlecht, du hast es zumindest versucht. Oder wird sie denken: Weil mein feiner Herr Opa den Allerwertesten nicht hochbekommen hat, sitze ich jetzt hier, habe keinen Garten, es gibt keinen plätschernden Brunnen und auch keine Amseln.

Ich werde noch ein wenig hier sitzen und darüber nachdenken.

 

Michael von Benkel

 

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