Gut, Ihr habt mich überzeugt. Lange hat es gedauert. Ich war immer für einen Beitritt der Türkei zur Europäischen Union. Weil ich überzeugt davon war, daß es der Friedenssicherung dient, wenn möglichst viele Staaten sich zusammenschließen und daher einander nicht mehr als Feind betrachten.

Ihr habt dem Vorurteile oder auch Fakten entgegen gehalten. Habt teils Ressontiments, teils auch Argumente vorgebracht, warum die Türkei nichts in einem vereinigetn Europa zu suchen hat. Habt den Zusammenbruch des deutschen Sozialhilfesystems vorhergesehen oder auch, daß die türkische Kultur weit weg sei von der westlichen. Daß die Stellung der Frau oder die bloße Meinunsgkundgabe gefährdet sei.

Dem habe ich nicht zugestimmt.

Ich dachte, das seien alles keine Punkte, die gegen einen Beitritt sprächen. Die Türkei, dachte ich, ist lang nicht so zurückgeblieben, wie sie stellenweise dargestellt wird.

Jetzt aber sehe ich ich, daß die Türkei kein Rechtsstaat in unserem Sinne ist. Daß dort abweichende Meinungen bestraft werden. Daß abweichende Meinungen sogar außerhalb der eigenen Staatsgrenzen bestraft werden sollen. Daß Journalisten, Schriftsteller und sogar Kabarettisten zu kuschen haben. Das ist unseren Werten fremd. Wir wollen uns artikulieren dürfen, wollen unsere Meinung sagen dürfen, ohne dafür ins Gefängnis zu kommen. Wir wollen uns nicht alles gefallen lassen, nur, weil es aus dem Mund eines Staatsoberhauptes kommt.

Das scheint nicht die - im doppelten Sinn des bösen Wortes - herrschende Meinung zu sein.

Gegenwärtig, mit einem System Erdogan an der Spitze, ist die Türkei kein Kandidat für die EU. Sich Intoleranz und Willkür sehenden Auges ins Boot zu holen, wäre nicht nur das falsche Zeichen. Es könnte sogar gefährlich sein für unseren freiheitlichen Alltag.

In solch einem Zustand permanenter Unsicherheit will ich nicht leben.

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