Wir leben in einer komplizierten Welt. Und lieben dennoch die einfachen Lösungen. Aber einfache Lösungen sind selten angemessen.

Etwa der Vorschlag, die deutschen Grenzen zu schließen.

Das dürfte nicht praktikabel sein.

Zu seinen Nachbarländern allein hat Deutschland eine Grenze von 3.621,0 Kilometern. Hinzu kommt eine Küstenlinie von 2.389,0 Kilometern. Wie will man diese Grenze wirksam schließen? Zunächst würde man vermuten, daß es ausreichen könnte, nur die unmittelbaren Grenzübergänge zu schließen, also, wo Straßen und Gleise die Grenze queren. Aber die grüne (oder blaue) Grenze zu vernachlässigen, wäre fatal. Die aktuellen Flüchtlingsströme suchen sich auch alle Wege, ins Land zu gelangen.

Aber wieviel Personal würde man für eine solche Grenzüberwachung benötigen? Selbst, wenn man nur alle 100 Meter eine einzige Wachperson aufstellen würde, benötigte man hierfür 60.100 Menschen. Da diese kaum rund um die Uhr jeden Tag arbeiten könnten, sondern wohl in drei Schichten, ist mindestens die dreifache Menge vonnöten. Ausfälle wegen Urlaubs und Krankheit wären auch zu berücksichtigen. Man müßte daher wohl von etwa 250.000 Sicherheitskräften ausgehen.

Und diese müßten natürlich erst ausgebildet werden, was nicht in ein paar Wochen zu bewerkstelligen sein dürfte. Und vorher ausgewählt. Und sie müßten auch eine gewisse Härte aufweisen. Mit freundlichen Worten werden Grenzgänger nicht zu stoppen sein. Im Härtefall müßte wohl mit Waffengewalt gedroht und im Extremfall auch von der Waffe Gebrauch gemacht werden. Man muß also Menschen finden, die bereit sind, auch auf Kinder und nicht bewaffnete Frauen und Männer zu schießen. Das dürfte nicht so leicht sein. Eine natürliche Tötungshemmung hat sogar im Unrechtsregime der DDR dazu geführt, daß selbst die ausgebildeten und indoktrinierten NVA-Soldaten nicht immer gezielt auf Republikflüchtlinge geschossen haben.

Solch skrupellose Personen muß man erst einmal finden.

Allein daran scheitert eine Grenzschließung.

Abgesehen davon wird man wohl um Grenzschutzanlagen nicht herumkommen. Ein simpler Zaun, der mit einem in jedem Baumarkt erhältlichen Seitenschneider überwunden werden kann, dürfte nicht ausreichen. Man müßte wohl eine Mauer errichten. Da man wohl auch kaum einfach mit Beton und ein paar Bauhandwerkern losziehen kann, wird man dies Bauwerk auch entsprechend planen müssen. Und eine wirklich große Anzahl an Menschen heranziehen, die die Mauer errichten.

Ob alle Architekten und Bauunternehmen Deutschlands ausreichen, um die Mauer in halbwegs akzeptabler Zeit hochzuziehen?

Immerhin sind auch grenznahe Dörfer zu zerschneiden, Grenzflüße zu zerteilen. Die Grenze liegt auch nicht nur auf ebenen, leicht zugänglichen Flächen. Auch auf Berghängen oder in Wäldern verläuft die Grenze.

Ein nahezu unmöglich zu meisterndes Unternehmen. Das zudem wohl Jahre dauern würde. Jahre, in denen der Zustrom an Flüchtlingen gerade nicht gestoppt wird.

Gar nicht davon zu reden, daß die Angehörigen des Wachpersonals, sowie der Bauunternehmungen der Allgemeinheit Deutschlands nicht mehr zur Verfügung stehen. Woher nimmt man all diese Bediensteten? Der Wohnungsnot in Deutschland wird das auch nicht gut tun, immerhin sind die Bauunternehmen mit dem Bau der Mauer beschäftigt und können keine weiteren Häuser mehr bauen. Auch würde diese Mauer mit ihren Überwachungsanlagen gewaltige Mengen an Baumaterial verschlingen.

Gigantische Kosten kommen auf den Staatshaushalt zu, der zudem noch abnehmen wird.

Denn durch die Abschottung wird der Exportweltmeister Deutschland sich wohl rasch aus den Medallienrängen verabschieden. Der Grenzverkehr würde erheblich erschwert. Gar nicht davon zu reden, daß das Ende der Weltoffenheit auch die Bereitschaft der Welt, weiterhin mit Deutschland Geschäfte zu machen, senken dürfte. Die Wirtschaft ist ein zartes Pflänzchen, das auch vom Ruf der Partner gedüngt wird. Merkantilismus funktioniert nicht, wir sind auf unsere Reputation und den Außenhandel angewiesen. Schotten wir uns ab, werden wir Federn lassen.

Die Strahlkraft Deutschlands wird abnehmen.

Strahlkraft, die auch auf unserer liberalen und humanen Haltung gegenüber den Flüchtlingen beruht.

Fazit: Nicht nur sind alle Pläne, Deutschlands Genzen dichtzumachen, zum Scheitern verurteilt. Auch schießen wir damit ein Eigentor, was unseren Wohlstand anbelangt.

Ich sehe keinen besseren Weg als den, an unserer ethisch und moralisch wertvollen Hilfe der Flüchtenden festzuhalten.

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